Techniken
des Verschwindens
Von
der Raum- zur Zeitordnung
Doris Wallnöfer
Die Frage der Geschwindigkeit beschäftigt den Philosophen
und Architekten Paul Virilio seit geraumer Zeit. Er gilt als
Begründer einer neuen Wissenschaft, die er Dromologie nennt.
Virilio stellt Geschwindigkeit in einen politischen und kriegerischen
Kontext und davon wird hier auch die Rede sein.
Geschwindigkeit und Politik - Geschwindigkeit ist nicht
so sehr ein Phänomen, sondern eine Beziehung zwischen Phänomenen.
Sie ist also relativ, wie Virilio argumentiert. Macht- und Herrschaftsverhältnisse
basieren auf Geschwindigkeit, die Menschen fasziniert, lähmt,
mobilisiert, verschwinden läßt. (Virilio 1993, 30) Macht wird
vor allem über den raschen Zugriff auf militärische und zivile
Informationen ausgeübt. Geschwindigkeit ist eine Form von Gewalt
und steht in Opposition zum Politischen, welches dadurch zerstört
wird. Das Politische und seine Grundlagen sind an einen Raum
gebunden, in dem diskutiert und gehandelt werden kann, aber
auch an eine gewisse Zeit, die Raum für Ideen, Phantasie, unterschiedliche
Meinungen und den Prozeß der Entscheidungsfindung bietet - es
geht also durchaus auch um eine bestimmte Dauer, denn das Politische
läßt etwas fortdauern - man denke etwa an den Wohlfahrtsstaat.
Geschwindigkeit vernichtet diesen Prozeß des Fortdauerns, sie
bringt die traditionellen politischen Strukturen zu einer Implosion
(Virlio 1995, 60 f.). Geschwindigkeit wird durch Technik und
Technologie, vor allem durch die "Informationsbombe", die ihren
Ursprung im Zweiten Weltkrieg hat, erzeugt. "Die Geschwindigkeit
ist zuallererst die Geschwindigkeit der Information, die Geschwindigkeit
des Vergessens. Man hat das Vergessen industrialisiert." (Virilio
1998) Inzwischen sind wir bei der Virtualisierung des Politischen
angelangt. Politische Räume werden zunehmend durch einen virtuellen,
weltweiten Raum der Information ersetzt. Hieraus entsteht eine
neue, eine letzte - zugleich soziale und politische- Form der
Kybernetik, die unsere Demokratie aufs höchste gefährdet, so
Virilio. (Virilio 1994)
Das Verschwinden des Raums und die Frage des Krieges -
Heinrich Heine schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts. "Die
Eisenbahn tötete den Raum. Was uns jetzt noch bleibt, ist die
Zeit." Die Eroberung des Raums durch die Technik brachte ihn
gleichzeitig auch zum Verschwinden. Geographische Distanzen
und Hindernisse lösen sich durch Eisenbahn, Flugzeug, und schließlich
durch die neusten Informationstechnologien buchstäblich in Luft
auf. Dieser Vorgang kann mit dem Begriff Deterritorialisierung
umschrieben werden. Man erinnert sich an dieser Stelle vielleicht
an Clausewitz und an die von ihm beschriebenen Friktionen. Mit
Friktionen meint er eine Reihe von Hindernissen, die beispielsweise
geographischer Natur sind, wie Berge oder Flüsse, welche die
Kriegführung beeinträchtigen und dem Krieg Grenzen setzen. Auch
die Politik kann zu diesen Hindernissen gezählt werden, in dem
Sinne, daß sie den Krieg begrenzt (Der Krieg war bei Clausewitz
bekanntlich ein zutiefst politischer Akt, ein "Halbding", Teil
eines Ganzen, der Politik). Das Verschwinden des Raums bedeutet
gleichzeitig, daß der Krieg entgrenzt wird. Der Krieg läßt bereits
seit Beginn des 20. Jahrhunderts kein Entkommen mehr zu, der
Möglichkeit nach kann man überall getroffen werden. Der Krieg
wird zum totalen und in der Logik "Sieg oder Niederlage" geführt
- dazwischen gibt es nichts mehr. Fronten verschieben und vervielfältigen
sich. So ist die "Heimatfront" z.B. eine begriffliche Neuschöpfung
des Ersten Weltkriegs. Totale Kriegführung basiert nicht nur
auf den Krieg gegen den äußeren und inneren Feind, sondern setzt
auch eine totale Politik, deren übergeordneter Zweck der Krieg
ist, voraus (Kaufmann 1996).
Die Eroberung des Raums ist also vorwiegend eine technische
Frage. Die Vorherrschaft des Raums wird durch ein Kommunikationsnetz
abgelöst, in dem Information ohne Zeitverzögerung stattfindet.
Der Raum wird also in einen Informationsraum transformiert,
neue Grenzen, Informationsgrenzen, werden geschaffen. Diese
sind jedoch nicht eindeutig auszumachen, da es dafür keine fixen
Regeln gibt. Der Informationskrieg tritt nun an die Stelle des
Kalten Krieges, zu der Land-, See- und Luftfront gesellt sich
die Informationsfront. Inzwischen geht es nicht mehr wie bei
den beiden Weltkriegen um den Raum, sondern um die Zeit, der
Weltkrieg wird vom Zeitkrieg abgelöst. Virilio meint damit natürlich
nicht, daß Kriege im "Nirgendwo" stattfinden, es geht ihm vielmehr
darum zu zeigen, daß die Zeit nun eine weitaus wichtigere Rolle
einnimmt als der Raum (Virilio 1984, 74). Denn der Ort des Krieges
ist heute tendenziell jener der Zeit, was bedeutet, daß von
jedem Punkt des Globus aus gleichzeitig agiert werden kann,
sowie alle bewohnbaren Orte vom Krieg augenblicklich erfaßt
werden können. "Der militärische Raum ist vor allem ein Raum
der Technik, ein Zeitraum, die kurze Spanne zwischen Angriff
und Gegenschlag." (ebd.) Das Politische bleibt somit buchstäblich
auf der Strecke.
Transpolitik - Trans steht für jenseits, über,
durch. Transplantation, Transit, Transgender, Transaktion, Transgression,
... Transpolitik. Die Veränderung des Politischen geht Hand
in Hand mit der Verwandlung des Krieges in einen reinen (kalten)
Krieg. Mit dem Zweiten Weltkrieg, der wie Virilio aufmerksam
macht, rechtlich nicht abgeschlossen ist, mit dem Holocaust,
Hiroshima und Nagasaki, wird die Kriegserklärung obsolet, von
einem Ausbrechen kann keine Rede mehr sein, denn Krieg wird
zu einem Gesellschaftszustand (Reemtsma), er wird nur noch fortgesetzt,
wie auch schon Ingeborg Bachmann erkannte. Somit gibt es auch
keine Vorwarnzeit mehr. Wir befinden uns nicht mehr in der Dimension
des wirklichen Krieges, sondern in einer anderen, die dem "großen
Verbrechen" nahekommt. Seit 1969 agieren Staaten wie terroristische
Einheiten - man denke an den Malwinenkrieg oder an den Angriff
von israelischen Fallschirmjägern auf den Flughafen von Beirut
(Virilio 1984, 30). Zwei aktuelle Beispiele: Die USA beantworteten
im Sommer 1998 zwei Anschläge auf amerikanische Botschaften
in Tansania und Kenia mit Vergeltungsschlägen auf strategische
Ziele im Sudan und Afghanistan. Madlein Albright verkündigte
darauf: "Dies ist der Krieg der Zukunft." (Die Zeit Nr. 35,
20. August 1998) Im Krieg gegen Serbien spricht die NATO bezeichnenderweise
selten von Krieg. Die Rede ist von Luftschlägen und Sanktionen.
Womit wir es heute zu tun haben, sind Kriegshandlungen ohne
erklärten Krieg. Wenn der Krieg nicht mehr vom Frieden unterschieden
werden kann, dann wird auch die klassische Funktion der Politik,
Konflikte zu regulieren fragwürdig - das Transpolitische ist
an dieser Stelle anzusetzen. Kriege finden nicht mehr in einer
bestimmten Reihenfolge statt. Heute handelt es sich um einen
Krieg, der endlos vorbereitet wird. "Diese endlose Vorbereitung,
dieser Aufschwung der Logistik, bedeutet allerdings, daß sich
... die Gesellschaft, d.h. der zivile Konsum, nicht mehr entwickelt."
(Virilio 1984, 94) Die Entwicklung der Kriegsökonomie führt
unausweichlich zu einer Stagnation der zivilen Gesellschaft.
Während die zivile Gesellschaft schrumpft, kann der militärische
Bereich ein absolutes Wachstum verbuchen. Die militärische (und
nicht die politische) Ordnung wird zur einzigen Ideologie. "Nun
zählt einzig noch die Intensität des Augenblicks." (ebd., 98)
Man könnte auch sagen, die Qualität des Augenblicks - es handelt
sich um eine Zeit des Dringlichkeits- oder Beschleunigungszustandes.
Allmählich entsteht ein reiner Staat, ein Weltstaat. Die multinationalen
Konzerne verkörpern diesen reinen Staat. Menschen werden darin
nicht mehr benötigt. Die Technik erledigt die Produktion, der
Krieg wird automatisiert und mit ihm die Entscheidungsgewalt.
"Es werden keine Menschen mehr gebraucht, keine Soldaten, keine
Arbeiter mehr; von jetzt ab braucht man nur noch absolute Vernichtungsmittel,
im kommerziellen Bereich wie auch anderswo." (ebd., 103)
Virilio plädiert für eine Politisierung der Geschwindigkeit
- sowohl der metabolischen (die Geschwindigkeit des Lebendigen,
der Reflexe) als auch der technologischen, denn wir bewegen
uns nicht nur, sondern werden auch bewegt. Virilio ist überzeugt,
daß nur ein Nachdenken und eine Auseinandersetzung über das
Wesen der Technik und ihrem Verhältnis zum Politischen letztendlich
zielführend ist (ebd., 80). Auf der Ars Electronica in Linz
im Herbst ´98 forderte Virilio eine neue Politik des territorialen
und sozialen Körpers. Ihm geht es darum, die Geschichte des
Körpers, des Ortes, wiederzufinden, in einer Zeit, in der die
Geschwindigkeit uns alle in einen Alarmzustand versetzt, ob
im Alltag oder in der Politik. Die tendenzielle Entmaterialisierung
des Territoriums geht Hand in Hand mit einer neuen Rechtslogik.
Während das Recht immer ortsgebunden war - man denke an das
Stadt-, Kataster-, Meer-, Luftrecht bis hin zum Weltraumrecht,
welches die Satelliten und ihre Bahnen regelt, haben wir es
nun mit einer Art Nomadenrecht zu tun. Hier, so Virilio, ist
viel Arbeit zu leisten.
Clausewitz, Carl von, 1996: Vom Kriege, Reinbek
bei Hamburg
Kaufmann, Stefan, 1996: Kommunikationstechnik
und Kriegführung 1815 -1945: Stufen telemedialer Rüstung, München
Virilio, Paul, 1980: Geschwindigkeit und Politik,
Berlin
Virilio, Paul/Lothringer, Sylvère 1984: Der
reine Krieg, Berlin
Virilio, Paul, 1993: Revolutionen der Geschwindigkeit,
Berlin Virilio, Paul, 1994: Im Würgegriff der Zeit, in: Die
Zeit Nr. 46, 11. November, S. 63
Virilio, Paul, 1995: Der Negative Horizont,
Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Frankfurt/M.
Virilio, Paul, 1998: Interview, in taz, 11.
Juni, S. 3