sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



DOMINIQUE BUSCH und YARIV ALTER FIN

Minimania

As an old wise Chinese once said: "One picture is worth a thousand words". Yet digitally speaking, 'splashspleen' is precisely 60512 plastic-pixels worth.
This choice for 'the image of imaging' implies the tension of similarity and difference between content and form in the visual work: both 'Ministeck' and Photoshop are clear slates, 'pixel boards' for laying out any possible two dimensional images. Yet while Photoshop brings about 'high-tech' image creation, the 'Ministeck' recreation is 'low-tech' or rather 'no-tech' by nature. And when reproduced 1:1 on the 'Ministeck' grid, each screen pixel (the techno-term for picture-element) becomes one plastic element, and the original onscreen virtual image becomes a monumental 'plastic painting', physical and suitable to the earlier canvas restricted exhibition wall.
Do It Yourself
Das erste Geschenk, das ich von Norbert bekommen habe, ist ein Knüpfkissen, auf dem ein Pferdekopf abgebildet ist. Seine frühe Liebe zu solider Handarbeit im Kontext der Hobbykunst ist bis heute nicht erloschen, nur dass er seit einiger Zeit dem Rohstoff Plastik bei seinen Arbeiten den Vorzug gewährt, und damit einer etwas in Vergessenheit geratenen Kunsttechnik, dem Mosaik, zu einer unerwarteten Renaissance verholfen hat.
Norbert Bayer bezieht die Bausteine für seine zeitgemässen Mosaike aus dem Hause Ministeck, einer Firma, die seit Anfang der 60er Jahre kleine bunte Plastiksteinchen produziert, die anhand von Motivorlagen in Steckplatten eingefügt werden. Der Kunde kann zwischen den Klassikern wie etwa Segelschiffen und seinen Lieblingssäugetieren wählen, oder aber auf den ausgetretenen Pfaden der Kunstgeschichte wandeln, und sich die Mona Lisa als Set zum zusammenstecken nach Hause liefern lassen.
Jeder Mensch ein Künstler
Auch bei Ministeck handelt es sich eindeutig um eine Strategie der "Do it yourself" und "Jeder Mensch ein Künstler" Propheten der 70er Jahre. Im Zuge der Demokratisierung sollte in eben dieser Zeit die künstlerische Selbstverwirklichung zu einem gesellschaftlichen Gemeinplatz werden.
Wenn man sich die verschiedenen Hobbykunst - Spielarten wie etwa Malen nach Zahlen, Sticken nach Motivvorlage oder eben Ministeck anschaut, dann stellt man jedoch ziemlich schnell fest, dass es hier nicht darum geht, die Kreativität der Hobbykünstler zu entfesseln, sondern die Leute brav einer Vorlage folgen zu lassen, um sie am Ende mit einer mehr oder weniger gelungenen Kopie für ihre Geduld und Ausdauer zu belohnen. Im Grunde sind diese hobbykünstlerischen Aktivitäten mit einer homöopathischen Dosis kreativer Selbstverwirklichung nichts weiter als eine Massnahme zur Bewältigung der in unserer Gesellschaft in immer grösserem Masse zur Verfügung stehenden freien Zeit. Nachahmung und nicht Schöpfung ist in der Regel das oberste Prinzip der Hobbykunst, die damit diametral dem gegenübersteht, was man gemeinhin als Kunst bezeichnet: das Originäre, Authentische, Schöpferische. Und, last but not least: das NEUE.
Minimania
Nun drängt sich langsam die Frage auf, was einen quicklebendigen 25-jährigen Kunststudenten dazu verleitet, in tage-, ja wochenlanger Heimarbeit eben diese kleinen Plastiksteinchen neben-, unter- und übereinanderzustecken, was letztendlich darin eskalierte, dass der Künstler nach der Fertigstellung des Minsteck-Monumentaltafelbildes splashspleen mit einem T-shirt auftauchte, auf dem in grossen Lettern der nüchtern konstatierende Schriftzug "isolation disorder" prangte. Angefangen hat die Ministeckmanie vor drei Jahren. Damals begann Norbert auf Flohmärkten und in Inseraten nach Leuten zu fahnden, die irgendwo noch ein Ministeckbild im Keller stehen hatten, denn zu diesem Zeitpunkt war Ministeck nicht mehr und noch nicht wieder im Handel erhältlich. Norberts' Faible für veraltete Techniken schlug nach eigenen Angaben wieder durch - "Wie viel Saft konnte man noch aus einer ausgepressten Zitrone quetschen?" wie er es formulierte. Eine konkrete Idee jedoch, welche Themen und Motive mit Ministeck bearbeitet werden sollten, gab es noch nicht. Zu Hause fing er damit an, die aufgekauften Bilder zu demontieren und die Steinchen nach Farben zu sortieren.
Analog Eats Digital
Etwa zur gleichen Zeit hatte sich Norbert einen Mac gekauft und verbrachte nun viele Stunden vor dem Bildschirm. Als er auf screenshots von C 64 Spielen stiess, war ihm plötzlich klar, was das Motiv der ersten Ministeck - Arbeiten sein sollte: Computerbilder. Sowohl bei Ministeck als auch bei den C 64 Spielen handelt es sich um veraltete Technologien, deren visuelle Grundlage die Pixelstruktur ist, beim einen digital, beim anderen analog.
Photoshop Un-Plugged
Im Herbst '99 präsentierte Norbert bei der parallel zum Kasseler Video- und Dokumentarfilmfest stattfindenden Ausstellung "Monitoring" in Kassel ein großformatiges Ministeckbild mit dem Titel "Splashspleen". Bei der Motivvorlage zu diesem Bild handelt es sich um den Splashscreen, d.h. das Bild, das beim Starten des Computerprogramms Photoshop 5.0 für wenige Sekunden auf dem Monitor erscheint. Das Programm Photoshop hat die Bildbearbeitung in den letzten zehn Jahren enorm vereinfacht und beschleunigt. Indem Bayer das Splashscreen aus dem digitalen ins analoge Format überträgt, setzt er sich mit den Bedingungen der digitalen und analogen Bildproduktion auseinander. Während Photoshop eine schnelle und perfekte Bildbearbeitung ermöglicht, dauerte es insgesamt vier Wochen, bis der Künstler mit ca. 20000 Plastiksteinchen das 203 cm auf 50 cm große grobpixelige Bild "Splashspleen" fertig gestellt hatte.
Gehen Sie neue Wege mit Ministeck!
Mit diesem Slogan wirbt die Firma Ministeck auf ihrer Website für ihre Produkte, und Norbert Bayer hat sich diese Firmenphilosophie in den letzten drei Jahren zu Eigen gemacht. Bayer bedient sich zwar der Ministeck-Technik, doch seine Themen und Motive entnimmt er keinen Vorlagemustern, wie dies sonst bei Ministeckern üblich ist, sondern seinen eigenen Vorstellungen und Ideen, was ihn von dem gemeinen Hobbykünstler abhebt.



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