sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



KARIN HARRASSER

KörperBildSchriftZahl
Ein neuer Reisepass muss her

Wenn von der Informatisierung die Rede ist, figuriert in der derzeitigen Diskussion beinahe reflexartig der Körper als Gegenpol und gleichzeitig als Authentizitätsgarant. Außerdem kann in der Rede über die Informatisierung eine Hierarchisierung in der Verlässlichkeit der Zeichen, die den Körper repräsentieren, festgestellt werden. Am wirkungsvollsten sind sie aber anscheinend dann, wenn sie im Verein auftreten und jeweils ein Zeichensystem die Mängel des anderen ausgleichen kann: Im Reisepass beispielsweise, der mit einem wundervollen Ensemble aus Photo, Schrift und Zahlen das körperliche Subjekt so zu beschreiben im Stande ist, dass es als Teil eines Volkskörpers kenntlich gemacht werden kann.

Ein Photo wirkt in der Regel geradezu als "Evidenzmaschine". Obwohl wir wissen, dass es ein Hergestelltes ist, obwohl unser Blick offensichtlich codiert, obwohl die Pose bekannt ist, lieben wir die Bilder in unserem Photoalbum als Zeugen dafür, dass wir unser Leben wirklich gelebt haben. Das Beweisphoto hat vor Gericht oft größere Überzeugungskraft als die Aussage, die direkt an den Körper gebundene Rede.

Mit dem phonetischen Alphabet kam der Zweifel der Europäer an der Verlässlichkeit ihrer Wahrnehmung in die Welt, denn die Buchstaben repräsentierten nicht mehr Teile der Welt, wie die gesprochenen Wörter, sondern nur mehr vom Menschen erzeugte Laute. Doch der Körper fand Eingang in die geschriebenen Texte, zum Beispiel als Textkörper, als Briefkopf oder als Fußzeile und da ist er heute noch. Wann immer aber die Literatur des 20. Jahrhunderts sich auf die Suche nach der Substanz der Sprache machte, dröhnte ihr Geschrei entgegen (Futurismus, Dada, Wiener Gruppe) - die Onomate rächten sich mit Unsinn dafür, dass man sie über Jahrhunderte mit Sinn beladen hatte; damit wurden auch sie zu Zeichen des Authentischen - nun beladen mit einem neuen Sinn: nämlich Fenster zum Medium der Schrift zu sein. schztgrmm schtzgrmmm t-t-t-t

Das veraltete Zeichensystem ist immer das authentischere: meine Unterschrift ist authentischer als mein getippter Name, der Handschlag ist wohl die am häufigsten gezeigte politische Geste im TV, Picasso wollte immer zeichnen können wie ein Kind.

Das Schlimmste, das einem Körper wiederfahren kann, ist Teil einer Zahlenreihe zu werden. Zahlen sind immer dann im Spiel, wenn eine Institution Zugriff auf einen Körper begehrt: das Geburtsdatum wird im Krankenhaus in die Geburtsurkunde eingetragen um die Existenz eines Bürgers erstmals zu dokumentieren, die Schule versorgte uns mit Noten noch und nöcher, die Sozialversicherungsnummer begleitet uns unser Leben lang, vor allem aber dann wenn es uns dreckig geht, die Blutwerte beim Doktor können Vorboten eines frühen Endes sein, das dann wiederum ein Sterbedatum ergibt. Zahl sein, heißt in dieser Interpretation tot sein oder aber, und das ist hier fast das Gleiche, Leben im Kollektiv. Wenn Elfriede Jelinek mit grimmiger Mine statistische Daten aus der Nazizeit verliest, wird evident dass ihr Projekt des Erzählens gegen das Abzählen gerichtet ist Es hat das Ziel, Tote wieder lebendig zu machen oder, falls das nicht geht, den Untoten wenigstens so viel Leben zu geben, dass sie in Ruhe sterben können.

Darum schlage ich vor, den Reisepass durch die Verpflichtung zum Mitführen einer Kinderzeichnung und eines Schulaufsatzes zum Nationalfeiertag, die jederman/jedefrau in ihrer Kindheit gemacht haben muss, sowie eines Photos der Mutter zu ersetzen. Damit wird die fehlerlose Identifikation von Ausländern kein Problem mehr darstellen: wer keine krakelige Zeichnung zum 26. Oktober besitzt, kann kein Österreicher sein. Die Kontrolle ist denkbar einfach: Der/die zu Kontrollierende zeichnet eine rot-weiß-rote Flagge und leistet eine Unterschrift, beides wird (natürlich maschinell) mit Zeichnung und Aufsatz verglichen. Anschließend wird die Tränenproduktion beim Ansehen des Bildes der Mutter gemessen. Aus diesen Daten lässt sich mit 100%iger Sicherheit die Echtheit des/der Anwesenden sowie dessen/deren nationale Zugehörigkeit feststellen.



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