sinn-haft nr 10
für. wahr. nehmung.



DORIS WALLNÖFER

Seinen Augen nicht trauen
Ein Besuch im Museum der Wahrnehmung in Graz

Im Oktogon, einem Jahrhundertwendebau am Grazer Augarten ist seit einigen Jahren das Museum der Wahrnehmung, kurz MUWA untergebracht.

Am Rande des Augartens zieht ein Gebäude durch seine außergewöhnliche Grundform unweigerlich die Blicke auf sich: Ein achteckiger Jahrhundertwendebau. Vielleicht ist es aber auch der, gemessen am Gebäude, überdimensional wirkende Kamin, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Oder sind es die das Gebäude durchziehenden einfachen und klaren Linien, die das Interesse wecken? Schwer zu sagen. Nach längerer Betrachtung stelle ich jedenfalls fest, dass kein eindeutiger Fixpunkt auszumachen ist, und so muss die Antwort darauf wohl eine Frage der Anschauung bleiben. Und vielleicht ist das auch ganz im Sinne der Gebäudefunktion: Seit einigen Jahren ist im Oktogon das Museum der Wahrnehmung, kurz MUWA, untergebracht.

Maschinen zum anderen Sehen
Form und Inhalt bestimmen sich hier gegenseitig - das bestätigt auch der erste Eindruck beim Betreten des sehr offen gehaltenen und hellen Ausstellungsraums. Keine Unterteilungen, die ein- und ausschließen, keine Verdunkelungen, die verbergen. Die im Raum verteilten Sehmaschinen entpuppen sich rasch als Blickfang, von denen einige mit stereoskopischen Aufnahmen arbeiten. Schaut man in die beiden kleinen, in der Mitte des Bildpaars angebrachten Spiegel, sieht man jedoch eine dreidimensionale Szene. Im Regelfall ermöglichen es Disparität (der kleine Unterschied zwischen dem linken und dem rechten Bild) und Konvergenz (das Zusammenlaufen der Seh-Achsen im Fixierpunkt) einen dreidimensionalen Raum visuell auch als "räumlich" wahrzunehmen. Aber hier gibt es keinen Raum, sondern nur zwei flache zweidimensionale Bilder - und trotzdem sieht man räumlich! Spätestens nach dem Blick in die zweite Sehmaschine drängt sich die Frage auf, ob das denn nun etwas mit optischer Täuschung zu tun haben könnte. Ich werfe einen hoffnungsvollen Blick auf die Installationsbeschilderung und bringe Folgendes in Erfahrung: "Die Bilder in diesen Maschinen erzählen eine unglaubliche Geschichte. Eine, die uns weismachen will, dass wir den Raum erfinden. Maturana und Varela, zwei Neurobiologen meinen: Gerade die Eigenschaft des Erkennens, eine Welt hervorzubringen, ist der Schlüssel zur Erkenntnis des Erkennens." Gar nicht so schlecht diese Neurobiologen - diese Geschichte muss man ihnen, im Angesicht der Sehmaschinen, einfach abkaufen. Dass diese Welt mitunter auch unheimliche, ja gespenstige Züge annehmen kann, zeigt dann Sehmaschine Nummer Fünf. Der geworfene Schatten eines Stuhls erscheint hier dreidimensional! Daraus kann eigentlich nur der Schluss gezogen werden, dass man seinen Augen nicht (mehr) trauen kann. Das, was gezeigt wird, was sichtbar ist, kann, muss aber nicht die Wirklichkeit sein. Sehen wir nur das, was wir wissen? Braucht es also einen besonderen Sinn für das Wirkliche? Erika Mann, deren wichtigste Aufsätze und Reportagen kürzlich gesammelt erschienen sind, hat dazu etwas sehr Bemerkenswertes gesagt: "Gerade Deutschland unterlag dem Nazismus wegen des mangelnden Vorstellungsvermögens seines Volkes". Deshalb ging es Erika Mann auch Zeit ihres Lebens darum, die Phantasie für die Realität zu wecken, womit sie in der Tat "eine beispiellose Antwort auf das Beispiellose" gab. Das Museum der Wahrnehmung in Graz verfolgt seit seiner Gründung im Steirischen Herbst 1990 einen ganz ähnlichen Ansatz. Mit unterschiedlichsten Installationen wird versucht, auf die zunehmende Trägheit und Immunisierung des Auges aufmerksam zu machen, womit gleichzeitig die Wirkungsweise sozialer und kultureller Wahrnehmungsmuster thematisiert, sowie die Entwicklung individueller Wahrnehmung geschärft wird. Geht man davon aus, dass ein Museum immer auch ein Versuch ist, etwas festzuhalten, was in der Wirklichkeit verschwunden ist oder zu verschwinden droht, dann stellt das MUWA den Versuch dar, wenn schon nicht das Verschwinden, so doch die Veränderungen auf dem Feld der Wahrnehmung festzuhalten. Denn sowohl das Medium, durch das sie erfolgt als auch der kulturelle Kontext, bestimmen und transformieren die Wahrnehmung, darauf wies bereits Walter Benjamin hin.
Gegenstände zum Verschwinden bringen
In seinem Buch "Spuren" erzählt Ernst Bloch eine merkwürdige Geschichte. Er schreibt über eine Expedition, in deren Verlauf sich erstmals Europäer mit einem Schiff den Fidschi-Inseln näherten. Die Bewohner der Insel erklärten den fremden Entdeckern später, dass sie deren Schiff niemals gesehen hätten und das, obwohl es längere Zeit nahe am Strand vor Anker gelegen hatte. Schiffe von europäischer Größe waren für sie tatsächlich undenkbar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie passten nicht in ihr Denk- und Glaubenssystem und wurden deshalb auch nicht gesehen. Doch wie kann unsichtbar werden, was augenscheinlich anwesend ist? Mit dieser Problematik beschäftigt sich die Fidschi-Installation: Flügelhafte Segel kombiniert mit einem Spiegel, markieren den Ort des Geschehens. Ein unscheinbarer Gegenstand ist auf einem schlanken Podest zu sehen. Presst man nun die Nasenspitze an das Segelende, konzentriert sich auf den rechts gelegenen Gegenstand und beginnt man gleichzeitig mit der linken Hand auf und nieder zu fahren, so verschwindet der Gegenstand urplötzlich aus dem Blickfeld. Er ist offensichtlich da und doch nicht mehr zu sehen. Die Bewegung der linken Hand und die dadurch erzeugte Geschwindigkeit vor dem linken Auge sind "wichtiger". Das optische Bild auf der Netzhaut des rechten Auges wird vom Gehirn nicht mehr verarbeitet. In der Neurologie nennt man diesen Effekt "Cashire-Cat-Effekt". Cashire heißt bekanntlich die Katze in Lewis Carrolls "Alice im Wunderland", die die außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, langsam zu verschwinden, wobei ihr Lächeln jedoch noch für einige Zeit zu sehen ist. Um "langsam zu verschwinden" begebe ich mich dann auch in den Keller des Museums. Hier wurde ein Samadhi-Bad realisiert, womit an die einstige Funktion des Gebäudes - lange Zeit diente es den Grazer BürgerInnen als Tröpferlbad - angeknüpft wurde. Das Samadhi-Bad ist eine "hochtechnische Erlebnis-Maschine". Sie verfolgt jedoch ein völlig anderes Konzept als gängige Virtual-Reality-Spiele der Cybergeneration. Während diese ihre Benutzer in mehr oder weniger vorprogrammierte Wirklichkeiten entführt, schafft das Samadhi-Bad außerordentliche Bedingungen für eine individuelle Konzeption von Illusion und Realität. Gleichsam schwerelos schwebt man in gesättigtem Salzwasser, Luft- und Wassertemperatur entsprechen der des Körpers. Die besondere Konstruktion des Bades schirmt von Außenreizen ab und schafft auf diese Weise ideale Bedingungen für ein Treiben zwischen unterschiedlichsten Bewusstseinszuständen - so zumindest die vielversprechende Verheißung. Entwickelt und konzipiert wurde das Samadhi-Bad im Laufe einer 20-jährigen Forschungsarbeit von dem amerikanischen Neuropsychologen John C. Lilly, der offensichtlich nicht nur auf seiner Homepage ganz gerne abhebt. Sein Credo: "In the province of connected minds, what the network believes to be true, either is true or becomes true within certain limits to be found experientially and experimentally. These limits are further beliefs to be transcended. In the network's mind there are no limits." Das klingt mir nun doch irgendwie zu sehr nach Matrix und ich beschließe, mein Bad ein andermal zu nehmen.




© der texte bei der autorin/dem autor



WHO IS WHO - AutorInnen der nr 10

AutorInnen der sinn-haft


herausgegeben vom hyper[realitäten]büro

[home]
[archiv]
[kontakt]
[links]
[rhizom]
[forum]
[weblog]
    
für. wahr. nehmung. sinn-haft nr[10] - Cover