sinn-haft nr 11
zur masse.



DORIS WALLNÖFER
Kultique
Teil I: Kulturzwerge raus!


Kultique ist eine neue Kolumne der sinn-haft und steht für Kultur und Politik, also für eine Beziehung, die seit jeher viel Staub aufwirbelt. Inhalte und Form der Beziehung stehen immer wieder zur Debatte, werden kritisiert, neu verhandelt und definiert - nichts anderes beabsichtigt auch diese Kolumne, in der politisch denkende KünstlerInnen zu Wort kommen sollen. Da die Idee dazu nahezu zeitgleich mit dem Redaktionsschluss eintrat, gibt es diesmal keinen wirklichen Gastbeitrag, sondern nur etwas Ähnliches, ein Zitat, welches sogleich zum Thema dieser Kolumne führt. Es stammt von Claus Peymann, der auf dem Feld der oder des (?) Kultique ja so was wie ein alter Hase ist: "Was die ÖVP an Kulturzwergen hervorbringt ist schon deprimierend. Ich weiß, wovon ich spreche, denn Morak war bei mir im Ensemble. In Österreich kann man gar nicht genug scheitern, um nicht nach oben zu fallen. Hätte ich ihn nur in Ruhe gelassen und Haider gleich dazu engagiert, wäre dem Land viel erspart geblieben."
Ach, wenn österreichische Verhältnisse nur öfter so auf den Punkt gebracht würden! Gescheiterter Künstler macht jetzt Politik - manch eine/r wird dabei wohl das Gefühl eines Déjà-vu-Erlebnisses nicht los. Aber verbleiben wir in der Gegenwart. Peymanns Aussage zeigt nicht nur, dass es von der Kultur zur Politik und umgekehrt nur ein Schritt ist, sondern verweist, wenn man sie ein wenig dehnt, auf das politische Potential der Kunst und vielleicht auch auf eine gesellschaftliche Funktion der Kunst - so wie es etwa in Christoph Schlingensiefs letzter Aktion zum Ausdruck kommt. Seine Hamlet-Inszenierung stellt keine bloße Reflexion oder Thematisierung politischer Verhältnisse dar. Nein, Schlingensief geht bis an die Grenze. Er holt aussteigewillige Neonazis auf die Bühne und lässt diese Hamlet spielen. Dann ist natürlich nicht nur auf der Bühne der Teufel los: Wie gefährlich und unverantwortlich das alles sei, pädagogisch wertlos, und überhaupt könne Schlingensief nicht garantieren, ob die von ihm engagierten aussteigewilligen Rechtsextremen nicht mit Schlingensief und den Medien Theater spielen. Und schließlich sei eh alles nur auf Spektakel und Medientauglichkeit ausgerichtet! Aber, warum sollte das Ganze nicht medientauglich sein? Müsste dann nicht zuerst das, was uns alltäglich als Politik vorgeführt wird, klein gemacht werden? Nein, Schlingensief wird die Welt auch nicht retten. Aber er ist einer der wenigen, der die Frage nach dem Politischen der Kunst noch ernst nimmt. Das ist nicht nur weitgehend unerwünscht, sondern wird, was weitaus Besorgnis erregender ist, gar nicht mehr verstanden: Nämlich, dass die Öffentlichkeit, und das Theater ist ein Teil davon, ein Ort der Auseinandersetzung und des Widerstreits ist bzw. sein kann. Schlingensief nimmt die Herausforderung an. Dem "Nazis raus" setzt er ein "Ex-Nazis rein" entgegen. Ein mutiger Versuch ist es allemal. Und das wissen auch die aufgeregten Kulturzwerge, ansonsten würden sie nicht so laut schreien.




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