sinn-haft nr 11
zur masse.



LUTZ MUSNER
Die Intellektuellen und die Massenphobie


Peter Sloterdijk hat kürzlich bei Suhrkamp einen schmalen, aber höchst polemischen Text mit dem Titel "Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft" herausgebracht. Er hat diesen Text als eine Kampfschrift angelegt und es geht ihm dabei um eine Art Generalabrechnung mit der Massenkultur aus der anwaltschaftlichen Perspektive der so genannten Talente, Kreativen und Begabten. Kultur will er wieder als einen normativen Begriff verstanden wissen, nämlich als "den Inbegriff von Versuchen, die Masse in uns selber herauszufordern, sich gegen sich selbst zu entscheiden", denn schließlich sei sie - die normative Kultur - "eine Differenz zum Besseren, die es, wie alle relevanten Unterscheidungen, nur gibt, sooft und solange sie gemacht wird." (Sloterdijk 2000: 95) Peter Sloterdijk geht es wieder um Distinktionen und seine Gegner erkennt er in den Administratoren- und Managergilden des zeitgenössischen Kulturbetriebes, die allesamt nur darauf aus seien, sich vor die schöpferischen Individuen zu drängeln und sich so als die eigentlichen Kreativen feiern zu lassen. Mit dem Terminus der "Kulturkämpfe" meint er es durchaus ernst, denn seine Gegner, diese "Leporelli auf den Stufen des öffentlichen Dienstes" wollten jetzt "allesamt den Herren machen und nicht länger dienen". Woran ihnen wirklich gelegen sei, sei nichts anderes als ein "finaler Feldzug gegen das Außerordentliche", der von einem "immer selbstsicherer werdenden Hass gegen die Ausnahme" getragen sei. (Sloterdijk 2000: 94)

Man könnte natürlich diese Kampfschrift als Alterungskrise eines enttäuschten 68ers abtun; mir scheint aber, dass der Text entschieden mehr als ein geriatrischer Befund ist, und mir scheint fernerhin, dass der Text als ein Symptom intellektueller Mobilmachung eines auf dem Felde der Kultur artikulierten Neoliberalismus zu sehen ist. In seiner historischen Dimension ist er jedoch noch etwas zusätzliches, nämlich ein Déjà-vu eines spezifischen mitteleuropäischen Antimodernismus. Als ein derartiges Symptom kann er deshalb gelesen werden, weil er nicht nur auf einen mehr als 100 Jahre währenden Strang konservativer Kulturkritik an der Vermassung des Schönen, Guten und Genialen aufsetzt, sondern in seiner inhaltlichen Struktur wesentliche Momente eines regressiv-elitären Umgangs mit Modernismus und Modernität widerspiegelt. Nirgendwo deutlicher wird dies als in Sloterdijk's Interpretation des Gleichheitsprojektes der Moderne. Er sieht darin das ambivalente Wirken von "Unterschiedemachern", die Theologie und Natur durch eine egalitäre Anthropologie ersetzt, sich historisch gegen die "Unterschiedefinder" durchgesetzt und alle "naturbedingten" bzw. religiösen Unterschiede zwischen Menschen fatal erfolgreich durch sozial konstruierte ersetzt hätten. Die Aufklärung wird ihm so zur Vorwegnahme des Poststrukturalismus und zu einer wirkungsgeschichtlich mächtigen Gehschule des sozialen Konstruktivismus. Damit gibt es von "jetzt an wirklich keine Tatsachen mehr, es gibt nur noch Interpretationen." Und daran - so Sloterdijk - "hängt die Kette der durchzusetzenden revolutionären Revisionen: Es gibt keine Herren, es gibt nur Unterwerfungsprozesse; es gibt kein Talent, es gibt nur Lernprozesse; es gibt kein Genie, es gibt nur Produktionsprozesse. Es gibt keine Autoren, es gibt nur Programmierungsprozesse - und programmierte Programmierer." (Sloterdijk 2000: 77)

Obwohl er seine als "Identität der Indifferenz" apostrophierte Kritik an der Massenkultur der Moderne im Wir-Ton vorträgt, und so gleichsam den Leser zum Komplizen des eigenen Leidens an der egalitären Moderne machen will, ist der Subtext kokett münchhausenhaft angelegt, d.h. Sloterdijk will sich durch die selbst verordnete Herausforderung, sich nicht noch weiter sinken zu lassen, selbst aus dem bedrohlichen Sumpf einer Masse und ihrer Kultur ziehen, die für ihn nichts als "eine totale Mitte" repräsentiert.

Sloterdijks restaurative Apologetik überkommener konservativer und antidemokratischer Topoi der Massenverachtung und seine Fundamentalkritik der Profanität einer vollends säkularisierten Kultur verdient Aufmerksamkeit, da sie just zu einem Zeitpunkt auftritt, der massive gesellschaftspolitische Umbrüche ankündigt. Schließlich haben wir es gegenwärtig nicht nur mit erfolgreich verlaufenden Hegemoniestrebungen neoliberaler Wirtschafts- und Politikkonzepte, sondern wir haben es auch mit einem "Wiedereintritt der Massen" in die politische Arena in Gestalt (rechts)populistischer Strömungen zu tun. In dieser Situation kann es hilfreich sein, die Genealogie des Massen- und Kulturdiskurses der Moderne und seine politische Agenda im Auge zu haben, um Sloterdijks Abrechnung mit der Massenkultur besser einschätzen zu können.

Massen-Recycling

Die obsessive und teilweise paranoide Beschäftigung der Intellektuellen mit der "Masse" im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (vgl. Maderthaner & Musner 2001: 9-67), die sich gleichermaßen in apokalyptischen Szenarien eines hysterischen, gewalttätigen Mobs auf bürgerlich-konservativer Seite wie als pädagogisches Projekt der Massenzähmung und Proletarier-Zivilisierung auf Seite der politischen Linken manifestierte, legt Zeugnis darüber ab, dass das Verhältnis der Intellektuellen zu den "Massen" seit der Revolution von 1848 ein fast durchwegs problematisches und mitunter paranoides war. Dies hatte, so lässt sich vermuten, mehrere Ursachen. Zum einen artikulierte sich darin die in den zeitgenössische Eliten omnipräsente Angst vor Degeneration, also vor einem gleichsam "phylogenetischen" Rückfall in einen Zustand der Vorzivilisation, Barbarei und Anti-Kultur. Aber nicht nur das in den Großstadt sichtbar gewordene Heer der bedrohlich Vielen und fremden Anderen beunruhigte; ebenso beunruhigte die frühe Frauenbewegung, die die dominant männliche Codierung von Kultur, Modernismus und Avantgarde in Frage zu stellen schien. Die Kultur der Massen und die Massen selbst wurden als weiblich und unberechenbar, als passiv und somit als minderwertig imaginiert. Zum anderen räsoniert schließlich in der apokalyptischen Semantik des Fin-de-Siècle Massendiskurses die Ambivalenz und Fragilität des historisch noch rezenten und keineswegs gesicherten Projekts des Individualismus, das durch den symbolischen wie faktischen Ausschluss einer satten Mehrheit von Frauen und sozialen Unterschichten definiert war.

Diese historische Folie sollte im Auge behalten werden, wenn man das Debattenterrain der "Massenkultur" und die damit verknüpften binären Rhetoriken von "high" und "popular culture" sowie "Kultur" und "Massenkultur" betrachtet. Die in den 1970er Jahren u. a. im Wege der amerikanischen Soziologie konsensfähig gewordene Betrachtungsweise, wonach "high" und "popular" als kulturelle Hierarchisierung zunehmend an Bedeutung verlieren, Werte der so genannten Hochkultur zunehmend in die Mittelschichten diffundierten und die Klassengebundenheit kulturellen Konsums sich zunehmend verlöre, ist eine sehr rezente Errungenschaft der Geschichte. Dieser egalitäre und postmarxistische Blick, der sich nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Westeuropa gleichsam als ein symbolisches Beiprodukt einer langen wirtschaftlichen Aufschwungphase nach dem 2. Weltkrieg durchsetzte, kann nicht als eine ein für alle Mal gesicherte Diskursposition angesehen werden. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass diese diskursive Formation auch ein Moment einer postindustriellen und postfordistischen Ideologie repräsentiert, wie sie von Autoren wie Daniel Bell und Nathan Glazer wortgewaltig vertreten wurde. Auch avancierte Positionen der Cultural Studies, die gerade im letzten Jahrzehnt darauf insistiert haben, dass die fortgeschrittenen Marktkräfte Hochkultur wie Popularkultur gleichermaßen egalisiert hätten, die Opposition von Modernismus zu Massenkultur verschwunden sei und der Universalismus der Massenmedien die Koppelung von Machtzentren und Elitenkultur aufgehoben hätte (vgl. Horak 2000), sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass das kulturelle Feld immer noch ein Terrain der politischen Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung ist.

Sloterdijks "Verachtung der Massen", die ich exemplarisch zitiert habe, kommt nicht von ungefähr. Vielmehr artikuliert sich darin eine soziale Distinktionssehnsucht, die dem von Ronald Reagan und Margaret Thatcher inaugurierten Neokonservatismus zueignet und sich kulturell als eine Politik naturalisierter Unterschiede von Finesse und Raffinement formuliert. Es darf die Vermutung geäußert werden, dass es in den "culture wars" jenseits des Atlantik und in den "Kulturkämpfen" im westeuropäischen Kontext - etwa jüngst in dem bundesdeutschen Streit um die so genannte "Leitkultur" - durchaus nicht nur um postmoderne Simulacra geht, sondern auch um traditionelle Konflikte, die auf Fragen der Ressourcenverteilung, ideologische Themenführerschaft und dem Machtgefälle zwischen den sozialen Schichten, Geschlechter und Ethnien verweisen. Zudem darf vermutet werden, dass die kulturpolitischen Errungenschaften der europäischen Sozialdemokratien trotz aller Reformpolitiken in den 1960er und 70er Jahren immer sehr relative und begrenzte waren. Die im Gefolge des 2. Weltkrieges und des Scheiterns der historischen Avantgarde gesetzten Binarisierungen des kulturellen Feldes entlang high vs. low und elite vs. popular culture sind ebenso wenig verschwunden wie das Reservoir alter Ressentiments gegen die "Kultur der Vielen" ausgetrocknet ist.

Freilich haben sich mittlerweile die Eckpunkte der Debatte verschoben. Während die traditionelle Kritik der Massenkultur deren Gewaltpotential an passiver Unterwerfung des Einzelnen unter das Diktat des Massenkonsums an wertlosen Kulturgütern und die daraus erwachsende Gefahr totalitärer und demagogischer Politik beschwor, wird heute ein Hedonismusverdacht gepflegt. Die Konsumkultur - so das Argument - verwandle ihre Konsumenten in kritiklose Mitglieder einer Spaßgesellschaft, der vor lauter Amüsement der Sinn für soziale und politische Realitäten abhanden komme und so zu politischer Lethargie führe. Die traditionelle wie die zeitgenössische Kritik der Massenkultur eint jedoch die Diagnose eines vorgeblichen Verfalls des schöpferischen Elements in der Kultur. Die alten Zeiten werden dabei zu den besseren erklärt und den Kreativen retrospektiv ein derartiges Maß an Autonomie und Freiheit zugesprochen, dass dagegen die Kulturproduzenten der Gegenwart bloß als servile Dienstleister einer übermächtig phantasierten Kulturindustrie erscheinen können. (Gans 1999: 86f)

Massen-Projektionen

Eine kritische Analyse von massen- und popularkulturellen Phänomenen wird auf Basis des bisher Gesagten kaum ohne eine historisch informierte Diskursanalyse auskommen können. Freilich kann dabei Diskursanalyse nicht auf die Rekonstruktion von Texten und ihren Verschaltungen beschränkt bleiben. Das Verhältnis von "Massen" und "Kultur" verlangt geradezu nach einer wissenssoziologischen Komplementierung - oder präziser gesagt - nach einer Soziologie der Intellektuellen in ihrem prekären Verhältnis zu den vielen anderen, die nun einmal die Mehrheit bilden. Helmuth Berking hat in einer erhellenden Studie mit dem Titel "Masse und Geist" (Berking 1984) die Soziologie und Kulturwissenschaften während der Weimarer Republik dahingehend untersucht, inwieweit deren Obsession mit Phänomenen der "Massengesellschaft" und ihre Kritik von "Amerikanismus" und "Massenkultur" nicht Ausdruck einer Spiegelung eigener Problemlagen ist. Die für die Intellektuellen der Weimarer Republik so kennzeichnende Verachtung der Massen deutet er als Selbstthematisierung, nämlich als einen Versuch der Selbstaufklärung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Intelligenz und des Bildungsbürgertums über ihre eigene Struktur und Funktion in "Massengesellschaften". Diagnosen wie die von Werner Sombart, der die Massen jene "zusammenhanglosen, amorphen Bevölkerungshaufen namentlich in den modernen Großstädten" nennt, "die, aller inneren Gliederung bar, vom Geist, das heißt von Gott verlassen, eine tote Menge von lauter Einsen bilden." (Sombart 1924, Bd. 2: 99) - und die von Oswald Spengler, wonach die Massen "das absolut Formlose, das jede Art von Form, alle Rangunterschiede, den geordneten Besitz, das geordnete Wissen mit Hass verfolgt", die letztendlich nichts anderes als "das radikale Nichts" (Spengler 1972: 1004) sind, wird man jedoch schwerlich bloß als Selbstthematisierung deuten können. Vielmehr legen diese und viele andere einschlägige Aussagen der 1920er Jahre die Frage nahe, ob es sich hier nicht zusätzlich um einen Prozess der psychodynamischen Übertragung handelt.

An der "Masse" als einem konstitutiven Gegenüber des Intellektuellen würde so nicht nur die eigene Identität verhandelt, sondern auf sie auch die eigene Angst und das eigene Begehren übertragen. Teilt man diese Annahme, dann wird es leichter verständlich, warum "Massenkultur" und "Massengesellschaft" ähnlich dem "Exotischen" und "Fremden" ein privilegierter Gegenstand von Projektion und verzerrter Repräsentation sind und warum die Analyse des Popularen so leicht zwischen den Polen von Apokalypse und Apologetik pendeln kann. Das Phänomen der Übertragung als Selbstspieglung der Intellektuellen in ihrem Untersuchungsgegenstand ist aber nicht nur für die historische Rekonstruktion der Massenkulturdebatte von Belang. Simon Frith deutet die Gefahr dessen, was ich Übertragung genannt habe, auch für die Analyse der zeitgenössischen Popularkultur an:
Either way, academic analysts occupy an ambiguous relationship to the object of study, to a culture which is both strange and familiar, part of their own everyday lives yet foreign to them, and the application of such anthropological methods as ethnography to one's own culture (...) is fraught with difficulty, not least the temptation to define "popular culture" as the "other" of academic culture, thus assigning to "the people" the solutions to intellectuals' own cultural and ideological dilemmas. (Frith 1996: 416)

Die Geschichte einer Übertragung endet im Bild der Psychoanalyse bekanntlich dann gut, wenn es dem Patienten gelingt, die frühkindlichen Einstellungen zu wichtigen Bezugspersonen seiner Biographie, die er im Verlauf der Analyse unbewusst auf den Analytiker projiziert, in sein Bewusstsein zu heben und in sein Selbstbild zu integrieren. Auf die Kulturwissenschafter und ihre Beschäftigung mit dem Popularen bezogen hieße dies, dass das Erkenntnisinteresse nicht apriori als ein neutrales angenommen werden kann, sondern ein selbstkritisches Verhältnis zum Untersuchungsgegenstand angesagt ist. Das eigene Begehren und die eigene Ambivalenz dem Objekt gegenüber, die sich in Ablehnung oder Zustimmung, im Bedürfnis nach symbolischer Ermächtigung der Benachteiligten und Ohnmächtigen oder im scheinbar kühlen Blick auf die Verhältnisse ausdrücken können, sind nicht Nebensache. Im Gegenteil - gerade in der Zwiespältigkeit gegenüber den Artikulationen des Popularen in Politik, Medien, Alltagsleben und Ästhetik ist ein Erkenntnispotential verborgen, das die eigene Arbeit differenzierter, angemessener und selbstreflexiver gestalten kann. Vielleicht lösen sich einige unserer grundsätzlichen Probleme im Umgang mit Massen- und Popularkultur dadurch, dass wir ernsthaft beginnen, unsere eigene epistemische und emotionale Position neu zu bedenken und zu bestimmen.

Aufklärung revisited

Sloterdijks regressive Elitensehnsucht und neuerdings sein Plädoyer für einen gentechnisch hochgerüsteten Menschenpark sollten wir als Symptomlage ernst nehmen und uns fragen, warum es seit kurzem in manchen intellektuellen Kreisen unseres Sprachkreises so schick geworden ist, die Aufklärung als erledigt abzutun, die Memoria als gedächtnispolitisch zwecklose Übung einzustufen und die Moderne als Projekt von Massendemokratie insgesamt als obsolet zu erklären? Können etwa Intellektuelle die Entmächtigungen und Enttäuschungen nicht verkraften, die als praktische Folgen von Aufklärung und Moderne über sie gekommen sind und sie ihrer Rolle als säkulare Priester, kulturelle Legislatoren und Legitimatoren (Zygmunt Bauman) entkleidet hat?

Das "Zeitalter der Extreme", wie Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert nannte, hat schließlich nicht nur die Massen an die Macht, sondern auch die Intellektuellen um ihre Legitimität gebracht, denn bekanntlich wurden aus Philosophen Apologeten totalitärer Regime, aus Literaten Kriegshetzer, aus Historikern symbolische Usurpatoren so genannter "Lebensräume im Osten" und aus theoretischen Physikern Väter von Massenvernichtungswaffen. Das 20. Jahrhundert hat wie kein Zweites dem "Geist" seine Schönheit und Würde genommen und an dessen Stelle den Markt und den Warenhunger gesetzt. Während das ökonomische Massenmarktmodell der Moderne - ausgehend von den USA - einen universellen Siegeszug angetreten hat, ist dem ethischen Universalismusmodell der Moderne, und damit dem Projekt der europäischen Aufklärung und ihrer "Priester", bislang nur ein sehr bescheidener Fortschritt gegönnt gewesen. Während das Begehren der Massen nach Konsum und popularer Kultur heute massiver denn je präsent ist, büßt der intellektuelle Eros unter der Sparpolitik des Neoliberalismus seine Libido ein. Und der Pluralismus der Konsumstile verschafft den Massendemokratien Stabilität und Konsens, wohingegen der Pluralismus der Theorien die intellektuellen Zünfte immer wieder in existentielle Identitätskrisen stürzt. Ist es angesichts dieser Situation so verwunderlich, dass die Intellektuellen mit den "Massen" hadern und in ihnen ihr geliebt-gehasstes Gegenüber sehen?

Die Intellektuellen, die einst aufgebrochen waren, um die Massen zu beschreiben, zu kodifizieren, zu pädagogisieren und zu kontrollieren, müssen nun erkennen, dass sich das Objekt ihres emanzipatorischen Begehrs in ein Subjekt mit eigenen Begehrlichkeiten verwandelt hat. Und sie müssen auch erkennen, dass nicht nur sie von den Massen, sondern auch diese von den Intellektuellen enttäuscht sind. Der große Traum der Moderne, an die Stelle von Theologie und Feudalismus eine planende Vernunft des Demos unter Führung aufgeklärter Geister zu setzen, ist beidseitig und gleichermaßen ausgeträumt. Nicht der Geist belebt den Demos, sondern der Markt und seine Kontingenz - freilich zum Preis von Pluralität, Dezentrierung und dem Verlust der gesellschaftlichen Mitte. Die über Konsum, Finanzkapital und Medienökonomie gesteuerten postindustriellen Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts verzichten zunehmend auf eine zentrale symbolische Instanz in Gestalt von kulturellem Konsens und Kanon, das althergebrachte Arbeitsfeld der Intellektuellen, und setzen stattdessen auf ausdifferenzierte Lebens- und Konsumstile, die durch Information, Verhandlung und Verrechtlichung aufeinander bezogen werden. Damit ist aber keineswegs das ideelle Projekt der Aufklärung historisch entsorgt, sondern vielmehr auf viele Orte und Kleinprojekte der Gesellschaft verteilt und dieserart zur mikropolitischen Agenda geworden. Denn dort wo es des verhandelnden Ausgleichs unterschiedener Normen, Interessen und partikularer Weltanschauungen bedarf, bedarf es auch der Analyse, der Interpretation und der Mediation. Wenn die Luhmannsche Maschine sozialer und kultureller Ausdifferenzierung nicht aus ihren demokratischen Bahnen laufen soll, dann braucht es nicht weniger, sondern mehr "Intellektuelle" - freilich in Gestalt unprätentiöser und selbstkritischer SymbolarbeiterInnen, die an diesen vielen Orten der "leisen Stimme der Vernunft" (Freud) ganz unpathetisch Gehör verschaffen.

Literatur:
  • Sloterdijk, Peter: Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2000.

  • Maderthaner, Wolfgang und Musner, Lutz: Der Aufstand der Massen. In: Roman Horak u. a. (Hrsg.), Stadt.Masse.Raum: Wiener Studien zur Archäologie des Popularen, Wien: Turia und Kant: Wien 2001.

  • Horak, Roman: All this useless beauty. Die Intellektuellen und die niederen Künste, Manuskript. In: Kreisky, Eva (Hrsg.), Von der Macht der Köpfe. Intellektuelle zwischen Moderne und Spätmoderne. Wiener Universitätsverlag: Wien 2000.

  • Gans, Herbert J.: Popular Culture & High Culture, An Analysis and Evaluation of Taste, rev. and updated ed., Basic Books: New York 1999 (1970).

  • Berking, Helmuth: Masse und Geist. Studien zur Soziologie in der Weimarer Republik, Wissenschaftlicher Autoren-Verlag: Berlin 1984.

  • Sombart, Werner: Der proletarische Sozialismus, 2 Bände, Jena 1924, Bd. 2.

  • Spengler, Oswald (1918/1922): Der Untergang des Abendlandes, München 1972.

  • Frith, Simon: Popular Culture. In: Payne, Michael (ed.): A Dictionary of Cultural and Critical Theory, Blackwell Publishers: Oxford 1996


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