Nachdem der "Nacht-Raum" Beijings in den Jahren der Kulturrevolution und in der Anfangszeit der Reformära Deng Xiaopings brachgelegen war, kam es in den 90ern zu einer raschen Rekolonialisierung. Im Osten der Stadt, im Bezirk Chaoyang, wo die meisten AusländerInnen leben und arbeiten, hat sich rund um die "Barstraße" ein hochpreisiges Vergnügungsviertel etabliert. Im Norden der Stadt hingegen, im Univiertel Haidian, existieren einige Bars, die sich preislich an den finanziellen Möglichkeiten der StudentInnen orientieren und jungen Bands, deren Interesse - dem chinesischen Markt - neuen Musikrichtungen gilt, Auftrittsmöglichkeiten und damit ein Experimentierfeld bieten. Eine davon, das Happy Paradise, liegt neben einem Bahndamm, hinter einer Großbaustelle, unweit der renommierten Beijing Universität. Der große Raum der Bar wird untertags als Rollschuhdisco genutzt, abends dient sie Punk-, Rock- und Rap-Bands als Auftrittsort und später nachts den Bandmitgliedern als Schlafplatz.
Samstag, 23.00 Uhr. Vor einer Stunde hätte ein Konzert mehrerer Rap-Bands beginnen sollen, aber irgendeine Band hat sich verspätet und ist gerade erst eingetrudelt. Die lange Wartezeit haben die anwesenden Musiker zu einem ausgedehnten Soundcheck, das Publikum zum Alkoholkonsum verwendet. Das Bier kostet hier nur ein Viertel von dem, was in den Bars in Chaoyang verlangt wird, die Stimmung der Musiker und des Publikums, alle um die zwanzig, ist "gesellschaftskritisch".
Das Konzert entwickelt sich trotz oder wegen der miesen Anlage lautstark zum Höhepunkt hin: der Band Twisted Machine, die vor kurzem ihre erste CD veröffentlicht hat, mit ihrem Hit wo mei cuo, "Ich habe nichts falsch gemacht":
" . . . Ich will euch sagen, dass ich absolut nichts falsch gemacht habe, der Fehler liegt bei euch, weil ihr euch vom Geld habt irr machen lassen . . ."
Um halb eins interviewen wir die etwa 50jährige Chefin des Happy Paradise in ihrem Wohn-Büro, einem kleinen Nebenraum der Bar.
Wie sind Sie darauf gekommen, eine Bar zu eröffnen?
Eine Bar ist ein interessanter Ort, weil hier alle menschlichen Bedürfnisse, Essen, Trinken, der Austausch mit anderen gestillt werden. Wenn du dich mit anderen nicht auseinander setzt, kannst du es zu nichts bringen. Wenn du in meinem Job die Menschen nicht verstehst, kannst du ihn nicht machen. Ich war in meinem Leben Arbeiterin, Bäuerin und Soldatin, bin viel herumgekommen, durch Städte und Dörfer. In jedem Winkel bin ich gewesen und bin damals draufgekommen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen das Wichtigste sind. Wo die Menschen gerne hingehen, bringen sie auch ihr Geld mit.
Wie gefallen Ihnen persönlich die Bands, die hier spielen?
Ich war ja selbst früher auch künstlerisch tätig: Ich habe von klein auf getanzt. Sobald ich jemanden tanzen sehe, geht's mir gut. Als ich deren Musik anfangs gehört habe, habe ich sie nicht ausgehalten . . . Aber ich mag die Gedanken, die sie ausdrücken, über ihre Armut und Machtlosigkeit. Und ich finde es wichtig, dass sie sich hier ausdrücken können. Die Regierung schenkt ihnen ja nicht viel Aufmerksamkeit. Sie sind ganz auf sich alleine gestellt. Sie sagen: "Wenn ich an etwas glaube, dann tue ich es, was ich werden will, das werde ich."
Underground-Bands eben. Aber was rede ich eigentlich. Ich habe davon doch gar keine Ahnung.
Wie organisieren Sie die Konzerte?
Ich habe den Musikern gesagt: "Ihr habt keinen Ort, wo ihr spielen könnt, macht doch das Happy Paradise zu eurem Stützpunkt, spielt hier über längere Zeit hinweg jedes Wochenende. Ihr braucht euch keine zigtausend Yuan erwarten, ihr braucht euch nichts einbilden. Ihr wollt etwas machen und ich stelle euch den Raum dafür zur Verfügung. Wenn ihr bei mir spielt, habt ihr erstens ein Zuhause: Wenn du am Abend nirgends hinkannst, kümmern wir uns um dich, wir sind zwar kein Luxushotel, aber manchmal hilft es schon, wenn man eine Schüssel Nudeln zu essen hat. Und wenn es kalt ist, ist einem schon geholfen, wenn er die Füße unter einen Ofen schieben kann. Zweitens teilen wir den Eintritt, ihr bekommt 80%, ich 20%."
Was halten Sie von den ungestümen Auftritten der Bands?
Das ist meiner Meinung nach ihr größter Makel. Keiner führt das Publikum. Ich hoffe, dass sich Pop und Rock vermischen, sodass der Rock die Musik und der Pop die Bühnenshow liefert.
Letztes Jahr war eine japanische Band hier, sie haben Rock gespielt, aber ihre Gesten waren aus dem Pop entlehnt. Der Sänger hat das Mikro ins Publikum gehalten und obwohl das Publikum den Text nicht verstand, hat es ihn trotzdem nachgesungen. Ich habe meinen Bands gesagt, dass wenn das Publikum mitsingen kann, die Stimmung einfach gleich viel besser wird.
Was sagen Ihre Freunde zu Ihrer Bar und zu der Musik, die hier gespielt wird?
Unter meinen Freunden gibt es viele, die keine Ahnung haben, was Rockmusik eigentlich ist, ich selbst habe sie ja erst vor einem halben Jahr kennen gelernt. Wenn sie mich besuchen und hören, was hier abgeht, sagen sie: "Auf Wiedersehen!" und gehen. Die bekommen Herzrasen von der Musik. Sie sagen, dass sie zehn Jahre früher sterben, wenn sie sich diese Musik anhören. Keine Chance, die in meine Bar hineinzubringen.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie in der Bar?
Elf. Sie nennen mich alle Tante. Ihr Gehalt ist sehr niedrig, weil das Geschäft noch nicht so gut geht. Ich bin trotzdem recht streng, verliere schnell die Beherrschung. Aber die Leute verstehen mich. Sobald ich jemanden ignoriere, fliegt er. Und je mehr ich jemanden anschreie und ihm sage, was er tun soll, umso mehr kümmere ich mich um denjenigen. Ich bin anders als die anderen, manche sagen, ich bin nicht wie eine Frau. Ich mag keine schüchternen Frauen, aber die Männer mögen solche affektierten Frauen. Vielleicht hängt das mit meinem Alter zusammen. Menschen aus der Mao-Zeit unterscheiden sich von den heutigen Menschen. Der Unterschied ist zu groß. Ich möchte gerne zu den alten Zeiten zurück.
© der texte bei der autorin/dem autor
|