sinn-haft nr 12
schlamm & damm



ESA ÖHLER
Undüfte

Gerüche machen vor der Nase nicht halt. Das kann zu durchaus angenehmen Sensationen, aber unter bestimmten Umständen auch zu sozialen Komplikationen führen. Man denke nur an die Situation, sich auf einem fremden Klo gründlich Erleichterung verschafft zu haben, und ob der entstandenen Geruchskulisse unwillkürlich unangenehm an jene Gäste erinnert zu werden, die je am eigenen WC Duftnoten hinterlassen haben, welche bei unzureichender Lüftung noch Stunden nach ihrem Besuch vom selbigen zeugten. Der Unwillen, den das auszulösen imstande war, zeigt: Hier wird eine Intimitätsgrenze überschritten - das nasale Aufnehmen eines Geruches ist schließlich eine Einverleibung, die in ihrer Intensität nur mit dem Verspeisen konkurriert. Der Geruchssinn ist mit dem Ekel ebenso eng verbunden wie mit dem Genuss: Die Regeln des Schönen sind die Spuren des Ekels (Menninghaus). Eine Geruchsrevolution (Corbin) dissoziierte ab dem 18. Jahrhundert Europa in ein in zunehmendem Maße desinfiziertes, desodoriertes und parfümiertes Refugium des Bürgertums und einen stinkenden, ungezähmten, körperliches Unwohlsein hervorrufenden Sumpf der Unterschichten. Simmel meinte dazu, die soziale Frage sei nicht nur eine ethische, sondern auch eine Nasenfrage.

Aber das 18. Jahrhundert ist in diesem Moment nicht weit entfernt: In der romantischen Idealisierung der Liebe suchte man mit Blumen und Blütenduft deren schmutzige Körperlichkeit zu übertünchen, heute gehört die Dusche nach dem Sex wohl zu den alltäglichen Tätigkeiten, auf die man nicht viele Gedanken verschwendet. Auch, weil man eigentlich der Meinung ist, dass Sex durchaus nichts Schmutziges ist... aber etwas, bei dem man unter Umständen schmutzig wird. Freud thematisierte dies als (weitgehende?) Entkoppelung von Exkretion und Sexualität.

Wie weit die Ekelhaftmachung und selektive Desodorierung bestimmter olfaktorisch absorbierter Körperäußerungen geht, kann wieder auf die diffizilen Abgrenzungen des persönlichen Raums bezogen werden: Schließlich ist es ein beziehungstechnisch durchaus erfolgversprechender Liebesbeweis, den Duft der Achselhöhle des Geliebten nicht bloß erträglich, sondern betörend zu finden. Der Blick am WC fällt nach dem Spülen peinlich berührt auf den Ort, wo der Duftspray stehen sollte: nichts, um den Gestank zu übertünchen. Ein Fenster zur lüftungstechnischen Verdünnung des Undufts fehlt ebenso. Da hilft wohl nur mehr ein Streichholz, um die faulen Gerüche in einer Stichflamme verpuffen zu lassen. Wo sich das Stinken nicht vermeiden lässt, muss es möglichst schnell vorbei sein.



herausgegeben vom hyper[realitäten]büro

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Schlamm und Damm. sinn-haft nr[11] - Cover

Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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