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Gerüche machen vor der Nase nicht
halt. Das kann zu durchaus angenehmen Sensationen, aber unter
bestimmten Umständen auch zu sozialen Komplikationen führen.
Man denke nur an die Situation, sich auf einem fremden Klo gründlich
Erleichterung verschafft zu haben, und ob der entstandenen
Geruchskulisse unwillkürlich unangenehm an jene Gäste
erinnert zu werden, die je am eigenen WC Duftnoten hinterlassen
haben, welche bei unzureichender Lüftung noch Stunden nach ihrem
Besuch vom selbigen zeugten. Der Unwillen, den das auszulösen
imstande war, zeigt: Hier wird eine Intimitätsgrenze
überschritten - das nasale Aufnehmen eines Geruches ist
schließlich eine Einverleibung, die in ihrer Intensität
nur mit dem Verspeisen konkurriert. Der Geruchssinn ist mit dem Ekel
ebenso eng verbunden wie mit dem Genuss: Die Regeln des Schönen
sind die Spuren des Ekels (Menninghaus). Eine Geruchsrevolution
(Corbin) dissoziierte ab dem 18. Jahrhundert Europa in ein in
zunehmendem Maße desinfiziertes, desodoriertes und
parfümiertes Refugium des Bürgertums und einen stinkenden,
ungezähmten, körperliches Unwohlsein hervorrufenden Sumpf
der Unterschichten. Simmel meinte dazu, die soziale Frage sei nicht
nur eine ethische, sondern auch eine Nasenfrage.
Aber das 18. Jahrhundert ist in diesem
Moment nicht weit entfernt: In der romantischen Idealisierung der
Liebe suchte man mit Blumen und Blütenduft deren schmutzige
Körperlichkeit zu übertünchen, heute gehört die
Dusche nach dem Sex wohl zu den alltäglichen Tätigkeiten,
auf die man nicht viele Gedanken verschwendet. Auch, weil man
eigentlich der Meinung ist, dass Sex durchaus nichts Schmutziges
ist... aber etwas, bei dem man unter Umständen schmutzig wird.
Freud thematisierte dies als (weitgehende?) Entkoppelung von
Exkretion und Sexualität.
Wie weit die Ekelhaftmachung und
selektive Desodorierung bestimmter olfaktorisch absorbierter
Körperäußerungen geht, kann wieder auf die diffizilen
Abgrenzungen des persönlichen Raums bezogen werden: Schließlich
ist es ein beziehungstechnisch durchaus erfolgversprechender
Liebesbeweis, den Duft der Achselhöhle des Geliebten nicht bloß
erträglich, sondern betörend zu finden.
Der Blick am WC fällt nach dem
Spülen peinlich berührt auf den Ort, wo der Duftspray
stehen sollte: nichts, um den Gestank zu übertünchen. Ein
Fenster zur lüftungstechnischen Verdünnung des Undufts
fehlt ebenso. Da hilft wohl nur mehr ein Streichholz, um die faulen
Gerüche in einer Stichflamme verpuffen zu lassen. Wo sich das
Stinken nicht vermeiden
lässt, muss es möglichst
schnell vorbei sein.
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