sinn-haft nr 12
schlamm & damm



RAMÓN REICHERT
Die Hybris des Hybriden
Zur Epistemologie Bruno Latours


In dem 2000 erschienenen Essayband "Die Hoffnung der Pandora" entwickelt Bruno Latour sein ehrgeiziges Projekt einer alternativen Epistemologie, deren Theorieanspruch es ist, mit der Wissenschaftslogik klassischer Theorien der Moderne zu brechen - vertraute Begriffe werden durch neue ersetzt, über die man sich im Glossar informieren kann und muss.

Die Selbstbeschreibungen fortgeschrittener Gesellschaften, so die Grundthese der Wissenschaftskritik Latours, sind gemäß einer "diskursiven Übereinkunft" (Latour 2000: 23, wenn nicht anders angegeben wird künftig für Latour 2000 im Text nur die Seitenzahl angegeben) von dichotomen Denkformen geprägt. Während die einen etwa behaupten, reine Naturwissenschaft habe nichts mit der Gesellschaft und ihrer Politik zu tun, betonen die anderen, dass selbst im sterilsten Labor vor allem soziale Prozesse stattfänden. Eine Partei sagt, die Realität sei unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung gegeben, während die andere betont, dass wir im Erkenntnisprozess die zu erkennenden Gegenstände erst herstellen. Was haben beide Gegner im Kampf der Wissenschaftskulturen gemeinsam? Beide Positionen gehen gemeinsam von Sphärentrennungen der Wissenschaft aus. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht wird von einer ontologischen Doppelnatur der Erkenntnis ausgegangen, darin der Sphäre des Erkenntnissubjekts die Realität der Außenwelt und dem wissenschaftlichen Diskurs die sozialen Rahmenbedingungen gegenüberstehen; die daran anschließende erkenntnistheoretische Ausdifferenzierung der "alten Übereinkunft" (363) ontologischer Ordnungen beruft sich auf die Trennung der Wahlfreiheit menschlichen Handelns von der Determination der Natur; die dichotome Grundordnung innerhalb der Technikphilosophie, die einer stummen Welt der Dinge die soziale Welt der symbolischen Ordnung entgegengesetzt, kann sich vom Kausalismus der instrumentellen Herrschaft nicht lösen; schließlich ist der szientifische Diskurs selbst Schauplatz symbolischer Grenzziehungen zwischen Konstruktivismus und Realismus und ihrer feindlich gegenüberstehenden Wissenschaftskulturen von Geist und Natur, die als Einsatz in sozialen Kämpfen dienen.

Dieser behaupteten "alten Übereinkunft" der "Trennung", der "Isolation" oder der "Aufspaltung" gegenüber entwickelt Latour eine Epistemologie, in deren Mittelpunkt das Wissen selbst als prozessierendes Subjekt steht. Auf Grundlage des Denkens des "Gemenges" und der "Entgrenzung" konzipiert Latour Wissen als "lebendigen" und "pulsierenden" Organismus und mahnt damit ein höheres Ziel ein, mit welchem die kommunikativen Aktivitäten und Fähigkeiten der einzelnen Akteure in Übereinstimmung zu bringen seien.

Die Befreiung der "Mischwesen"
Im Zeichen von Vernunft, Kultur und Aufklärung bemächtigt sich, so die Grundthese Latours, die Semiosis des isolierten Geistes der Wissenschaft nach ihrem "traditionellen Bild" (117) der kalten, toten Dinge der zeitlos-ewigen Natur. In diesem Sinne steht die Wissenschaft als Bezeichnungsmacht dem Naturreich als Aufzeichnungsfläche diametral gegenüber. In dieser metaphysischen Grundannahme wissenschaftlicher Erkenntnis ist die Sphäre hybrider Entitäten ontologisch geschieden von derjenigen des einsamen Erkenntnissubjekts. Doch die unaufhörlich neuen Ausdifferenzierungen ontologischer Sphären und ihrer distinkten Elemente setzen eine grundsätzlichere Metaphysik voraus, die der ontologisch begründeten Sphärentrennung vorausgeht. In der modernen Erzählung des wissenschaftlichen Fortschritts fordern die genannten "Mischwesen" (23) in ihrer heimlichen Objektivität als Stoff, Material oder Gegenstand ihre klare, helle und deutliche Trennung unaufhörlich heraus. Das Naturreich der empirischen Mannigfaltigkeit und in der in ihr schlummernde unheimliche und unüberschaubare Aufruhr hybrider Entitäten kann also gemäß der instrumentellen Vernunftlogik nur gebändigt werden; und zwar durch ihre fortschreitende Rationalisierung und ihren Verfahren der "Reinigung" oder "Entmischung".

In seiner grundlegenden Kritik der Dynamik der Dialektik von Vernunft und Aufklärung ist es diese Dichotomie von Subjekt und Objekt, die das kategoriale Gefüge der Moderne so entscheidend prägte und die Latour zum entscheidenden Anstoß einer Reformulierung der Grundlagen der Wissenschaftsforschung macht. Latours Konzept hingegen zielt nicht auf die Überwindung der hartnäckigen Aufspaltung der Subjekt/Objekt-Dichotomie, sondern in einer ersten Annäherung auf die Frage ihrer erkenntnistheoretischen Funktion innerhalb einer Machtbeziehung: "Das vor dem Subjekt stehende Objekt und das mit dem Objekt konfrontierte Subjekt sind polemische Entitäten und keine unschuldigen metaphischen Bewohner der Welt" (362). Latour zufolge haftet der Denkfigur der Subjekt/Objekt-Dichotomie die Metaphorik eines großen unüberbrückbaren Abgrunds unabdingbar an, die zu "ressentimentgeladenen und revanchistischen Konzepten" (362) führt. So fungiert die Grundannahme eines der Wirklichkeit diametral gegenüberstehenden Erkenntnissubjekts gleichermaßen als kategoriales Instrument der instrumentellen Welterschließung.

Die "Hoffnung der Pandora" soll - wie es bereits im Titel anklingt - eine affirmative Wissenschaftstheorie formulieren und ein emanzipatorisches Projekt künftiger Wissenschaftsforschung einleiten. So schlägt Latour vor, die Subjekt/Objekt-Dichotomie "als Ganzes abzuschaffen" (360). Latour unterscheidet nicht zwischen Objekten und Subjekten, sondern zwischen "Menschen" und dem "Nicht-Menschlichen". Er geht davon aus, dass der isolierte Geist und die kalten, toten Dinge eine Unterscheidung ist, die sich Descartes, Kant und der modernen Wissenschaft verdankt, aber überholt ist. Die Dinge sind zu "Hybriden", zu "Mischwesen" geworden, insofern das Menschliche und das Nicht-Menschliche ineinander verschränkt sind und gemeinsame, sich wechselseitig bedingende Kollektive bilden. In einer gegenwartsdiagnostischen Verallgemeinerung geht Latour folglich von einer Vermischungsdynamik der "modernen Gesellschaft aus, die sehr viel mehr Elemente in einem feiner geflochtenen sozialen Gewebe verknüpft, übersetzt, austauscht, rekrutiert und mobilisiert" (239). Dazu gehören Dinge, Werkzeuge, Symbole, Riten und Vergesellschaftungsformen. Von dieser Einschätzung leitet Latour das Erfordernis einer neuen Wissenschaftstheorie ab, die in der Lage sein soll, die unendlich verästelte Übersetzungs- bzw. Transformationspraxis der Erkenntnisarbeit angemessen zu beschreiben. Dies kann nur gelingen, wenn die Kette der unendlich kleinen Transformationsschritte in der Verbindung mit dem "Kollektiv" (131) von Gegenständen, Instrumenten, Praktiken, Institutionen, Interessen usw, zwischen denen die Referenz zirkuliert, nicht nur behauptet, sondern begrifflich erfasst wird. Es handelt sich mit dieser Transformationsheuristik um die Artikulation einer neuen Wissenschaftsphilosophie, d.h. auch darum, die begrifflich vermittelten Leitunterscheidungen selbst einer Transformation zu unterziehen, um ein neues Beschreibungsvokabular zur Verfügung zu stellen. So entwickelt Latour entgegen dem wissenschaftskritisch punzierten Fortschreiten der Dialektik der Aufklärung alternative Begriffe. Einer dieser neuen Leitbegriffe ist die "zirkulierende Referenz". "Zirkulierende Referenz" Am Beispiel einer Feldforschung über die Bodenbeschaffenheit im Amazonasgebiet rekonstruiert Latour in seiner Eigenschaft als "französischer Anthropologe" (36) die vielen Arbeitsschritte, die nötig sind, bis Bodenproben aus dem brasilianischen Regenwald in einer französischen Publikation als wissenschaftliche Objekte auftreten können. Um diese unterschiedlichen Arbeitsschritte und die Zirkularität der Referenz sicht- und sagbar zu machen, orientiert sich Latour am Ansatz der teilnehmenden Beobachtung der Ethnomethodologie und teilt den Alltag der ForscherInnen - im Urwald, im Basiscamp, im Flugzeug und in der Pariser Akademie (Gegenstand von Untersuchungen der Ethnomethodologie sind hauptsächlich die Routinen des Alltagshandelns als die mit Bedeutung versehenen Ereignisse. Um diese Routinen freilegen zu können, strebt der Forscher danach, die "ethnomethodologische Indifferenz" als Haltung einzunehmen und sich einer Vorab-Interpretation der Ereignisse ebenso zu enthalten wie der Übernahme der Perspektive des oder eines Handelnden).

Die Untersuchung der Praktiken, mit denen Informationen über einen wissenschaftlichen Sachverhalt erzeugt werden, führt Latour in das Amazonasgebiet, wo er an einer bodenkundlichen Expedition als Beobachter teilnimmt. Die Beobachtung wissenschaftlicher Praxis im Detail zeigt - so die Hypothese Latours, dass sich "die meisten philosophischen Diskussionen über den Realismus als unrealistisch erweisen" (36). An Stelle der theoretischen Isolation zweier, sich ontologisch gegenüberstehenden Sphären des Subjekts und des Objekts, gilt es das Verständnis für die alltägliche Praxis wissenschaftlicher Produktion zu wecken.

Latour greift hier eine Fragestellung der Wissenschaftsphilosophie auf, die er als "klassisch" bezeichnet, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von "Wort" und "Welt". An Stelle des zum Kanon gewordenen Dualismus zwischen Sprache und Welt setzt Latour einen neuen Begriff, der ihm nach seiner anthropologischen Feldstudie wissenschaftlicher Praxis eine angemessenere Beschreibung zu sein scheint: "Die alte Übereinkunft ging aus von einer Kluft zwischen Worten und Welt und versuchte dann einen dünnen Steg über diesen Abgrund zu zimmern. Zwischen zwei völlig verschiedenen ontologischen Bereichen, zwischen Sprache und Natur, sollte eine riskante Korrespondenz hergestellt werden. Ich will zeigen, dass es hier weder Korrespondenz gibt noch eine Kluft, ja noch nicht einmal zwei völlig verschiedene ontologische Bereiche, sondern ein ganz anderes Phänomen: zirkulierende Referenz" (36).

Der Begriff der "zirkulierenden Referenz" dient dazu, die Alltagspraxis wissenschaftlicher Produktion angemessener zu beschreiben. Allgemein definiert "zirkulierende Referenz" eine Struktur (379). Diese Struktur besteht aus Elementen und Relationen. Die Elemente müssen selbst "unveränderlich", aber mobil sein (380). Die Elemente sind mobil, weil ihnen die Eigenschaft zukommen soll, kombinierbar zu sein. Während Latour von den Relationen behauptet, sie seien auch unverändert, nämlich als bestimmte Typen von Relationen, bestimmt er die Elemente als notwendig mobil. "Referenz" begreift Latour folgerichtig als "Transport" (38). "Referenz" ist nicht als ein externer Referent (die "Welt", die "Wirklichkeit") zu verstehen, sondern bezeichnet die "Qualität der Kette der Transformationen" und die "Lebensfähigkeit ihrer Zirkulation" (380). Notwendige Bedingung der Zirkulation ist die Geschicklichkeit der Montage: "Werden unveränderliche mobile Elemente geschickt angeordnet, so bringen sie ‚zirkulierende Referenz’ hervor" (Ebd.). Die Zirkularität der Referenz kann aber nicht bloß theoretisch erfasst werden. Daher soll die Fragestellung des Anthropologen, der die alltägliche "Wirklichkeit" der Wissensarbeiter untersucht, von der "Theorie der Wissenschaft auf ihre Praxis verschoben" (360) werden.

Ein Körpermodell des Wissens
In Latours Begriffsbestimmung der alltäglichen Praxis gibt es "nur eine Übereinkunft" (Ebd.). Diese steht für die gesamte Wirklichkeit der Wissenschaftsforschung. "Zirkulierende Referenz" wird von Latour auch als ein Werturteil aufgefasst, das die Funktionsfähigkeit einer "lebendigen" Wissenschaftlichkeit erfassen kann, nämlich die "Lebensfähigkeit [der] Zirkulation" (380) von wissenschaftlichen Übersetzungen, d.i. die "Arbeit, durch die Akteure ihre unterschiedlichen und widersprüchlichen Interessen gegenseitig verändern, verschieben und übersetzen" (381). In den Zusammenhang einer Organisationsaufgabe gestellt, firmiert der Begriff der "zirkulierenden Referenz" auch als künftige Vorgabe eines universalen Wissenschaftsmanagements: "Über je mehr Beziehungen eine wissenschaftliche Disziplin verfügt, desto größer ist die Chance, dass durch ihre vielen Gefäße Genauigkeit zirkuliert" (138). Mit dieser Leibmetaphorik einer optimierten Wissenskörpers knüpft Latour an biologische Erklärungsmodelle an, die in ihrer fraglosen Übernahme mehr Probleme schaffen, als neue Denkformen wissenschaftlicher Praxis zu etablieren. So wird "das" Wissen substantiell als eine organische Entität aufgefasst. Die Anknüpfung des Praxisbegriffs an die biologischen Leitbilder "Leben", "Organismus", "Gefäßsystem", "Fremdkörper" oder "Blutkreislauf" (vgl. 96ff.) treibt die Kritik an den durchaus diskussionswürdigen Wissenschafts-Ontologien des Erkennens wiederum in eine neue Bio-Ontologie, die sowohl als epistemologische Fundierung als auch für die von Latour beanspruchten Methoden und Verfahren der Operationalisierung und Optimierung der Erkenntnisleistung uneinsichtig verbleibt. Die normative Zuspitzung der Aufgabe "der" Wissenschaftsforschung, ein "blutiges, pochendes, verwickeltes Knäuel, eben das gesamte Gefäßsystem" (132) wissenschaftlicher Tatsachen zu untersuchen, entspringt selbst einer revanchistischen Rethorik, insoferne der Lebendigkeit der Wissenschaft eine ontologische Gefährdung inhäriert. Hier ist die Rede von "Verstümmelungen", "Schnitten" und "Abtrennungen", die das "reiche Geflecht" des Wissens bedrohen: "Das Herz soll pumpen, doch es gibt keinen Input und keinen Output, es gibt keinen Körper, keine Lungen und keinen Blutkreislauf. Leer und hell erleuchtet liegt das Herz der Wissenschaftskrieger auf dem Operationstisch." (132). Übrig bleibt nur noch ein einziger, globaler Wissenskörper, für dessen optimale Durchblutung ("Zirkulation") gesorgt seitens der "Wissenschaftsforscher" (der sich dichotom zum "Wissenschaftskrieger" verhält) werden soll.

Der Wissenskörper selbst wird aber von Latour selbst dichotom gedacht und so auch organisiert: Es ist der Kampf für das Leben und gegen seine Feinde und Krieger, die das organische "Gefäßsystem" des Wissens schädigen. Latour bemüht in diesem Zusammenhang auch unentwegt medizinale Drohbilder, um die Dichotomie zwischen dem Leben und seinen Negationen in ein Drama des Überlebens zu setzen, darin sich der einzige und globale Wissensorganismus, der sich durch "Härte" (132) seiner Körperwerdung auszeichnen soll, im Namen der Wissenschaftsforschung durchsetzen soll. So ist die Rede von "analytischen Skalpellen", die die "vielfältige" Arbeit der Wissenschafter bedrohen, oder gar von einem "Eisernen Vorhang, der die Wissenschaften und die außerwissenschaftlichen Faktoren voneinander trennt, so wie eine lange, graue Betonmauer Berlins verästeltes System von Straßen, Straßenbahnen und Nachbarschaften durchschnitt" (133).

Die Arbeit des Lebens
Latour denkt das "Gemenge" (118) in einer globalen Entwicklungsdynamik, die in einem einzigen Innenraum gefasst ist, worin sich sämtliche Handlungen und Ereignisse aufeinander beziehen ließen. Als Zugehörige des szientifischen Organismus erfüllen die Wissensarbeiter mit ihrem Streben die Aufgabe, die Zirkulationsphäre aufrechtzuerhalten und auszudehnen. In der vitalistischen Konzeption des Wissens als Gesamtorganismus gilt die unaufhörliche Steigerung seiner Produktionstätigkeit als faktische Gegebenheit. Dies gilt als dogmatischer Lehrsatz, insofern es sich bei der Wissensvermehrung um eine "Lebenstatsache" (131) handelt. Normative Grundsätze wie "Je mehr Verbindungen eine Wissenschaft unterhält, desto robuster ist sie auch" (131), bestimmen den Begriff der "zirkulierenden Referenz" als eine quantitative Größe und machen ihn zum Indikator für den schlechten oder guten Zustand der Wissenschaft. Die Ausweitung der wissenschaftlichen Aktivität innerhalb einer grenzenlosen Zirkulationsphäre des Wissens gilt hier als das oberste Ziel. Hier erscheint die bloße Vermehrung des Wissens als Selbstzweck. Die zunehmende Diversifizierung des Wissens kommt hier durch ungezügelte Aktivität der Akteure zu Stande. Die Behauptung, dass alleine schon die quantitativ-extensionale Vermehrung relationaler Beziehungen zum besseren Zustand der Wissenschaft beiträgt, wird von Latour aber in keinster Weise argumentiert. Hierbei wird von der bloßen Tatsache zunehmender Vernetzung bereits auf die Optimierung wissenschaftlicher Arbeit geschlossen, was fragwürdig ist. Der von Latour gebrachte Verweis, dies sei eben eine "sehr simple Lebenstatsache" (Ebd.), die als selbstevident einfach so hinzunehmen sei, verbleibt mysteriös wie "das" Leben selbst. Unberücksichtigt bleiben hingegen in diesem Produktivitätsmodell des Wissens die Konjunkturen oder Zyklen, die das akademische Feld und Wissensformen strukturieren. Der von Latour affirmativ in Szene gesetzte Biologismus der Wissenschaften nimmt einen homogenen Wissensraum an, darin sich die Elemente des Wissens unaufhörlich untereinander austauschen. Mit der Gleichsetzung von "Leben" und "Wissen" gibt es in dieser Raummetaphysik kein Außen mehr. Die totale Vernetzung des Wissens ist idealiter die höchste Form der Wissensproduktion. Die Frage ist, warum Latour die Bedingungen der Produktion von Wissen in den Begriffen des Lebens und der Steigerung der Lebendigkeit des Wissens beschreibt.

Das Subjekt des Prozesses der Wissenschaft ist das Wissen als Gesamtorganismus. Das Wissen geht beständig aus der einen Form in die andere über, es übersetzt sich unaufhörlich in einem sich ständig erweiternden Netzwerk und Kreislauf des Lebens unterschiedlicher Operationen, Folgen, Schritten, Knoten und dergleichen, ohne sich selbst aber in dieser Bewegung zu verlieren und erhält also die Eigenschaften eines automatischen Subjekts. Das Wissen erhält eine Geschichtsmächtigkeit alleine dadurch, dass es mit einer teleologischen Entwicklungsdynamik versehen wird, denn im Gange seiner Vernetzung vermag es seine Leistung, seine Kraft und seine Form zu optimieren. Das Wissen wächst und reift also heran im Verlaufe seiner Akkumulation. Das Wissen wird hier Subjekt eines Prozesses, worin es unter dem beständigen Wechsel der Ereignisse und Gemenge seine Größe selbst verändert, den globalen Austausch effektiviert und sich selbst verwertet und schließlich sich als Selbstzweck genießt. Damit erhält das Wissen eine okkulte Qualität, nämlich Wissen zu setzen und hervorzubringen, weil es eben Wissen ist und gleichsam nicht anders kann und nichts anderes sein kann, als eben immer wieder von neuem Wissen zu erzeugen. Das "Gefäßsystem" der Wissenschaft, darin jedes mögliche Wissen zirkulieren kann, suggeriert, dass das gesamte Ensemble von Menschen und Dingen in einem wunderbaren Netz der Unmittelbarkeit miteinander verbunden ist. Im Körperraum der "Mischwesen" und "Hybriden" ist die Getrenntheit aller Existenzen aufgehoben.

Mit diesem wundersamen Versprechen eines einzigen pulsierenden Organismus des Wissens soll die mühsame "Kluft" und der "Abgrund", der die Menschen von der Welt trennte, erspart werden. Mit der Aufhebung der Trennung von Innen und Außen soll gleichermaßen die unmittelbare und vollständige Übertragung und Übersetzung der Operationen des Wissens möglich werden. Für die Beschreibung dieses Zustandes einer künftigen Wissenschaft wird auf die Metaphorik flüssiger Aggregatzustände rekurriert. Das Ideal eines sich unbeschränkt austauschenden Wissens, das von grenzenloser Wesenspräsenz ist, findet im Übertragungsmedium einer globalen Synästhesie seinen Ausdruck und im Bild eines globalen Nervensystems und Blutkreislaufs seine Leib- und Leitmetapher. Die Grenzen des Körpers sind auch die Grenzen der Welt. Innerhalb der Welt des Wissens, das faktisch nichts anderes sein kann als das pure Leben selbst, herrscht eine schier unbegrenzte Informationsstreuung. In dieser Hinsicht handelt es sich um einen göttlichen Puls, der das Gefäßsystem der Wissenschaft durchwaltet, nämlich in Bezug auf seine ubiquitäre Gegenwart und seiner Fähigkeit, alles zu prozessieren. Die "Hoffnung der Pandora" ist folglich von einer religiösen Idee getragen, insofern alle kommunikativen Akte zur Kommunion der daran Beteiligten - und dies sind alle - werden können. Die Wissensarbeiter kommen alle in den Himmel. Zumindest dort darf eine urkommunistische Gesellschaftsordnung ihren Platz haben: eine zölibatäre Gemeinschaft. Als Engel sind sie alle mit allen verbunden, tauschen sich fröhlich im Evangelium einer grenzenlosen Kommunion aus, sind hoffnungslos gleichberechtigt, können sich überall und jederzeit verständigen, verstehen einander und bilden miteinander ein einziges kommunizierendes Gefäß.

Freiheit des Fließens?
Es kann aber nicht die empirische Mannigfaltigkeit der Ereignisse und nicht ihre "Ströme", "Vermischungen", "Knoten", "Ketten" oder "Verästelungen" in endlich vielen Schritten bestimmt werden. Es muss sich daher um eine unendliche Idee handeln, die als unendlich erkannt wird. Diese Einsicht setzt voraus, dass der, der sie erfasst, nicht in einem unaufhörlichen Gemenge von Ereignissen befangen bleibt, sondern aus diesem heraustritt, und erst dieses Heraustreten aus dem Gemenge der Ereignisse ermöglicht es, sie als unaufhörliches Gemenge, von der es eine Idee, zu der es aber eine Anschauung gibt, zu erkennen. Das Denken, das einer unendlichen Idee mächtig ist, ist darum durch kein Maß beschränkt, das durch endlich viele Schritte konstruierbar ist. Somit ist die Beschwörung des Lebendigen der Wissenschaft nicht als eine Annäherung an den wirklichen Alltag wissenschaftlicher Praxis zu begreifen, sondern vielmehr als eine Befreiung des Denkens von empirischen Beschränkungen. Denn die Annahme eines unendlichen Mediums der Wissenschaft setzt die maßlose Freiheit des Denkens voraus. Da die Freiheit des Denkens nicht von allen endlichen und bedürftigen Subjekten gleichermaßen in Anspruch genommen werden kann, kann die Freiheit des Denkens nur von denen genommen werden, die in der sozialen Lage hiefür sind. Der von Latour modellierte Body of Knowledge weist also keine Geschichte und keine Gesellschaft auf, er kennt keine ursprüngliche Akkumulation des Wissens, vor allem nicht die Geschichte der Freiheit des Denkens selbst, die nicht einfach naturgegeben ist, sondern durch Gewalt, List, schließlich durch tradierbare Macht angeeignet wurde. Latour entkoppelt die historische Verschränkung von Gewalt, List und Herrschaft von der Wissenschaft und der Wissenschaftsforschung. Befreit von sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnissen schwebt ihm ein Körpermodell des Wissens vor Augen, mit welchem die "Gegensätze", "Klüfte", "Kriege" und "Antagonismen" aufgehoben sind. Während es im Inneren des globalen Body of Knowledge nur noch ein "Fließen", "Strömen" und "Zirkulieren" gibt, muss der werdende Körper seine Überlebensfähigkeit nachgerade entlang seiner Grenzen beweisen. Hier muss er "Härte" (132) zeigen, soll der globale Body of Knowledge als organische Gestalt bestehen. Als Organismus hat er nur dann Beständigkeit, wenn er seine Form wahren kann. Der globale Body of Knowledge umschließt sämtliche Äußerungen des Wissens. Wenn sich in ihm alles Wissen austauscht und das Wissen das übergreifende Subjekt der wissenschaftlichen Produktivität ist, dann firmiert das Wissen als der "eigentliche" Souverän, der die Welt der Wissenschaft reguliert.

Latours Epistemologie argumentiert an der Schnittstelle von Wissenschaftslehre und -ethik. In ihr geht es darum, das organizistische Modell des Wissens mit normativen Prinzipien zu verknüpfen. Das ist der Kerngedanke der "Hoffnung" der Pandora. Wenn der lebendige Produktivismus der Wissenschaft mit dem Guten-an-sich verknüpft ist, dann verschärft sich die Auseinandersetzung mit denen, die nicht tauschen. Gegenüber dem Fremden entwickelt der werdende Körper instinktiv Repulsion (134). Die Kehrseite der Annahme eines grenzenlosen Produktivismus des Wissens ist, dass jede Verweigerung des Tauschs als feindliche Unterbrechung des Lebendigen sanktioniert wird.

Oft hat es den Anschein, dass Latour die unmittelbare Lebendigkeit des Wissens im Blick hat, nämlich das lebendige Wissen in seiner konstituierenden Aktivität, das gleichsam aus dem Affekt heraus geboren wird, nämlich "pulsierend", "pochend", "beweglich".

Wird das Wissen selbst als "Ereignis" gefasst, dann geht es notwendig jeder Form einer repräsentativen Ordnung voraus. Mit dieser Beschwörung einer unvermittelten Lebendigkeit des Wissens, zielt Latour auf eine Dynamik des Wissens ab, die nur noch in ihrer selbstpräsenten Natürlichkeit zur Kenntnis genommen werden braucht. Damit werden epistemologische Fragen der metaphysischen Spekulation überantwortet.

Polizei des Wissens
Meine Argumentation verfolgte die Kernthese, dass der von Latour strapazierte Biologismus einer lebendigen Wissenschaftlichkeit die wissenschaftliche Produktion einer produktiven Ordnung subsumiert, deren einziger Zug es sein soll, Wissen als natürliches Walten zu sichern, das jeder positiven Regulation und Repräsentation vorausgeht. Mit der Schaffung eines globalen Körpers des Wissens, den Latour in der Metaphysik eines universellen "Gefäßsystems" zu begründen versucht, wird für einen metaphysisch fundierten Wissens-Raum plädiert, der nur mehr als ein Innenraum gelten soll. Wird Wissen und Leben homolog ineinsgesetzt, dann gibt es keine Alternative zum Wissen mehr. Mit der Gleichung alles-Wissen-ist-Leben soll die Totalität der Macht vervollkommnet werden, d.h. dass die Wissenschaftskritik immer schon Bestandteil der selbstreflexiven Verwertung des Wissens geworden ist. Mit der Setzung von grenzenlosen Grenzen des Wissens firmiert die Begrenzung immer schon als ein impliziter Teil der eigenen Grenzziehung, die zwar grenzenlos ausgedehnt bleibt, aber kein Außen mehr zulässt. Der Austausch zum Wissen ist dann ein dogmatischer Imperativ, wenn alles Wissen ist. Entscheidend ist hier, dass die Annahme eines deterritorialisierten Wissens, dessen optimale Effektivität in seiner expansiven Vernetzung und Ausdehnung ohne Zentrum liegt, das Fantasma eines gesamten globalen Gebiets gebiert. Die Vorstellung eines entgrenzten und sich grenzenlos austauschenden Wissens, das nur zu zirkulieren braucht, um erfolgreich zu werden, bringt eine neue Dialektik hervor, nämlich jene der Totalität der Macht (infinitesimal, different, internalisiert und affektiv) und ihrer paranoiden Deutung, nach welcher alles immer schon der Macht immanent ist.

Latour vertritt in "Die Hoffnung der Pandora" nach dem großen Krieg der Wissenschaftskulturen eine versöhnliche Polizeimentalität: Latour entwirft eine globale Ordnung wissenschaftlichen Verkehrs, der nur noch Prozeduren und Verfahren kennt, Regeln des Verkehrs. Dadurch postuliert er eine hypertrophe Macht, die nur mehr dem optimierenden Management des Innenraums unterworfen ist. Höchste Aufgabe "der" Wissenschaftsforschung scheint es nun zu sein, logistische Transfer-Modelle und verwaltungstechnische Fragestellungen bereitzustellen, die den globalen Austausch von Wissen entwickeln, begründen und rechtfertigen. Es soll also nur noch darum gehen, Verkehrs- und Verfahrensmodelle zu entwickeln, welche die Zirkulation per se beschleunigen. Damit ist die Aufgabe der künftigen Wissenschaftsforschung klar gefasst: die Untersuchung des Wissens als postalischer Akt in einer Körperwelt der All-Kommunikation. Wenn in der Einrichtung einer Wissenschaftspost das größtmögliche Glück für die Allgemeinheit liegt, dann wird gleichermaßen jede Nachricht zur Froh-Botschaft im Wissenschafts-Evangelium.


Literatur:
  • Latour, Bruno 2000: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt/M., Suhrkamp


herausgegeben vom hyper[realitäten]büro

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Schlamm und Damm. sinn-haft nr[11] - Cover

Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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