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Jürgen Habermas hat den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Das ist
erklärungsbedürftig. Immerhin rechtfertigte der
"Konsensphilosoph" (Jan Ross) vor zwei Jahren das
Bombardement Jugoslawiens durch die NATO mit dem Hinweis, dass es
sich dabei um so etwas wie Geburtswehen der neu entstehenden
Weltbürgergesellschaft handelte. Diese verfüge noch nicht
über Institutionen, welche die Einhaltung der Menschenrechte
durch Regierungen erzwingen könnten, und daher sei es legitim
und notwendig, auf vorhandene, noch zum alten, völkerrechtlich
regulierten internationalen System gehörende Einrichtungen
zurückzugreifen.
Dass dabei die Wahl ausgerechnet auf
die NATO fiel, schien damals für den Frankfurter Preisträger
nicht weiter bedenklich. Immerhin, so Habermas in der Zeit, verliehen
die "chirurgische Präzision" und die so ermöglichte
"programmatische Schonung der Zivilisten" den
Luftangriffen einen "hohen legitimatorischen Stellenwert".
Tatsächlich wird mit diesem Satz
nicht nur die Perspektive von NATO-Strategen und zum Militarismus
konvertierten einst friedensbewegten Politikern (erinnert sich jemand
an die CND-Mitgliedschaft Blairs? An Solanas Anti-NATO-Proteste?) mit
einer philosophischen Würdigung versehen. Denn wenn man diese
Perspektive Ernst nimmt, wird damit auch das Erbe der europäischen
Aufklärung, dessen Verteidigung die philosophische Mission
Habermas' ist, gegen sich selbst gewendet. Schließlich geht es
bei ihr, sowie bei den auf sie zurückgehenden Menschenrechten
darum, die Gewalt auch dort, wo sie nicht durch staatliche
Gesetzgebung verhindert werden kann, zu delegitimieren. Wenn aber nun
die Legitimität von Gewalt mit der Universalität der
Menschenrechte verknüpft wird, dann stehen alle, die gegen diese
Gewalt argumentieren, auch gegen "sich selbst" und laufen
Gefahr, zu skurrilen Randerscheinungen zu werden. Daher das seltsame
Schweigen einer selbst an aufklärerischen Idealen orientierten
Friedensbewegung, das die damaligen Angriffe umgab. Als Grundlage für
Argumente gegen die Gewalt ist so eine solche Aufklärung nicht
mehr zu gebrauchen, umso mehr als Rechtfertigung einer neuen Gewalt,
deren Legitimität technisch definiert wird.
Denn der Präzision der Angriffe
einen hohen legitimatorischen Stellenwert zuzuschreiben bedeutete
nichts anderes, als die Moral, auf die die Gewalt sich beruft, der
technischen Performativität zu überantworten. Auf dieser
Ebene, und nur auf ihr, funktioniert der im 20. Jahrhundert bröckelig
gewordene westliche Universalismus noch, dafür aber umso besser.
Denn hier muss er sich nicht mehr mit langwierigen Fragen der Moral,
mit demokratischen Verfahren (Mandat des Sicherheitsrat,
Kriegserklärung durch das Parlament), mit Diskurs, mit
Gesprochenem und Geschriebenem aufhalten. Die Gerechtigkeit der neuen
Kriege des Westens besteht in der Zielgenauigkeit von Waffen. Die
Legitimität von Krieg und die Rüstungsinnovation werden so
voneinander abhängig. Legitimität wird gewissermaßen
zu einer technischen Spezifikation der Waffe. Der "moralische
Konsens" der diese Kriege stützt, ist in Wirklichkeit das
Schweigen angesichts der Präzision von Technik.
Der Friedenspreis wird nun vor dem
Hintergrund der Anschläge in den USA und den gerade
stattfindenden Vergeltungsschlägen der USA gegen Afghanistan
verliehen. Was konnte den terroristischen Netzwerken, den
gewaltbereiten Hassern der westlichen Technik- und Wertegemeinschaft,
besseres passieren, als eben jene Auflösung von Gerechtigkeit in
technische Performativität, als die Aushöhlung der
Aufklärung durch ihre eigene technische Verfasstheit, die
Habermas im Zuge des NATO-Einsatzes in Jugoslawien paradigmatisch
gerechtfertigt hat? Denn wenn derartige Gewaltakte gar nicht mehr
wirklich nach Legitimation fragen müssen, weil diese mit der
Gewalttechnik mitgeliefert wird, wenn für Legitimität keine
demokratischen Beschlüsse sondern nur noch nach gut
funktionierenden und zielgenauen Waffen erforderlich sind, dann ist
es für Terroristen um vieles einfacher jene undifferenzierten,
in ihrer Heftigkeit doch zur Erfolglosigkeit verurteilten
Rundumschläge zu provozieren, die die innere Legitimität
von Staaten wirksam schwächen können. Und aus demselben
Grund wird es aber auch immer schwieriger, auf der Grundlage der
Aufklärung gegen diese Gewalt zu argumentieren, was die
außerinstitutionelle Kritik, die angesichts der Schwächung
demokratischer Institutionen besonders bedeutend wäre, vor die
Wahl zwischen ratlosem Schweigen und skurril-absurden Außenseitertum
stellt.
Vor diesem Hintergrund ist Habermas' in
seiner Dankesrede enthaltene Ruf nach einer "Rückkehr des
Politischen in einer anderen Gestalt" ja zuzustimmen, aber ob
diese Gestalt ausgerechnet in jenen techno-moralischen Netzwerken,
die nicht-westlichen Gemeinschaften seit dem 19. Jahrhundert als
einzig gültige "gemeinsame Sprache" angeboten worden
sind, entstehen kann, darf bezweifelt werden.
Gute Aussichten also für die
Zukunft des Krieges und für die Rüstungsindustrie. Gute
Aussichten auch für jene Gewalttäter, denen daran liegt,
die innere Legitimität westlicher Staaten zu sabotieren. Das mit
blindem Eifer und im Namen der Sicherheit sich vollziehende Abholzen
von Bürger- und Grundrechten weist bereits in diese Richtung.
Aber wozu, ließe sich zynisch fragen, noch Grundrechte, wenn
Gewalt viel effizienter technisch legitimiert werden kann?
Es wäre an der Zeit, die Spirale
aus moralischer Legitimation und rüstungstechnischer Innovation
zu durchbrechen, und Ansätze für ein Denken zu finden, das
dazu in der Lage ist. Ist die Chance, diesen dringend notwendigen
Prozess mit der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels einen Impuls zu verleihen, wirklich genutzt worden?
Bereits erschienen in Der Standard,
15.10.2001. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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