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Als ich selbst begonnen hatte, mich mit
Foucault zu beschäftigen, fragte ich einen meiner Lehrer, was
ich seiner Meinung nach lesen sollte, um mein Verständnis der
foucaultschen Analyse der Macht zu verbessern, welche
Sekundärliteratur er mir empfehlen würde. Seine Antwort
war: "Lies mehr Foucault!" Heute weiß ich, und nach
der Teilnahme an der Frankfurter Foucault-Konferenz 2001 noch mehr,
wie gewinnbringend und hilfreich sein Rat war. Die Konferenz in
Frankfurt gab nun Gelegenheit, sich über die Rezeption Foucaults
im deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum kundig zu machen.
Dieser Artikel versucht ein Bild von der Konferenz zu zeichnen und
möchte damit Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Werk
Foucaults und dessen Rezeption geben.
Zwischenbilanz einer Rezeption nennt
sich die Frankfurter Foucault-Konferenz 2001, organisiert vom
Institut für Sozialwissenschaften - der "Kommandozentrale"
der Kritischen Theorie. Nur wenige Tage zuvor hat Jacques Derrida
hier in Frankfurt den Adorno-Preis erhalten. Ausgerechnet er, dem man
den Verrat der Philosophie an die Literatur vorgeworfen hat. Nun
beschäftigen sich die kritischen Frankfurter erneut mit dem Werk
eines französischen Denkers. Ist darin vielleicht das Ende einer
dreißigjährigen Verkennungsgeschichte zu erkennen? Nähern
sich nunmehr - zwar mit Verspätung - zwei bedeutende
Denktraditionen des 20. Jahrhunderts allmählich an? Man kann es
wohl als einen Versuch werten, ein wenig durch "Feindesland"
zu gehen, wie Ulrich Raulff in der Süddeutschen Zeitung
schreibt; ob man dabei überraschend auf Freunde stoßen
wird, bleibt vorerst offen. Ulrich Bröckling bringt seine
Hoffnung zum Ausdruck, dass man nun, 16 Jahre nach dem Tod Foucaults,
mit mehr Abstand auch mehr Offenheit gegenüber dem Werk
Foucaults gewonnen hat. Dass diese "Distanz und Gelassenheit
dazu führt, dass man bei Foucault Sachen entdeckt, die man in
diesen Frontstellungen der späten 70er und frühen 80er
Jahre grade wegen der Hitze des Gefechts nicht erkennen konnte."
(Ö1)
Axel Honneth, Leiter des Frankfurter
Instituts für Sozialwissenschaften und Habermas Nachfolger
eröffnet als Hausherr die Veranstaltung. Er gibt der Sache einen
offiziellen Rahmen und das ihr gebührende Gewicht. Dabei
vergisst er nicht auf ein paar spröde Höflichkeiten und
Worte der Anerkennung für die Verdienste des foucaultschen
Denkens. Dennoch, die Frankfurter tun sich nach wie vor schwer mit
dem Franzosen. Honneth nennt das Werk Foucaults "fragmentarisch"
und "marginal". Freundlich ist das nicht gerade, auch
dann nicht, wenn man damit zum Ausdruck bringen will, dass Foucault
historische Fallstudien durchgeführt hat, zu verschiedenen
Themen in unterschiedlichen Epochen. Statt das Werk Foucaults
"fragmentarisch" zu nennen, hätte er ja
beispielsweise auch wie Paul Veyne sagen können, dass Foucault
allgemeine, universale Wahrheiten in Zweifel gezogen hat und sich
daher immer für Singularitäten interessierte.
Paradoxerweise stößt sich Honneth auch daran, dass
Foucault sich nicht selbst zitierte. Darin einen Mangel zu sehen und
eine Inkonsistenz des Werks abzuleiten mutet doch ein wenig seltsam
an.
Foucault war Zeit seines Lebens bemüht,
die Grenzen des Denkens zu überschreiten. Dies wird oftmals
durch die Formulierung zum Ausdruck gebracht, seine Arbeit bewege
sich an den Rändern von traditionellen akademischen Disziplinen,
die er aufzusprengen und zu überwinden versuchte. Wenn Honneth
aber davon spricht, Foucaults Werk sei "marginal", so
spielt er offensichtlich mit einer anderen Konnotation des Wortes.
Dem foucaultschen Denken Bedeutungslosigkeit zuzuschreiben, scheint
allerdings selbst Honneth ein zu kühnes Unterfangen zu sein, so
begnügt er sich mit der Andeutung und gibt vor, gemeint zu
haben, dass sich Foucault keinem akademischen Kanon unterworfen habe.
Eine Eröffnungsrede gibt auch
Gelegenheit, auf die eigenen Verdienste hinzuweisen, so werden Zitate
zum Besten gegeben, in denen sich Foucault anerkennend über die
Frankfurter äußert. Vor allem eines erfreut sich
besonderer Beliebtheit. Es findet sich in deutscher Übersetzung
in einem bei Suhrkamp erschienenen Band "Der Mensch ist ein
Erfahrungstier" und entstammt einem 1980 geführten
Gespräch Foucaults mit Ducio Trombadori:
"Wenn ich die
Verdienste der Philosophen der Frankfurter Schule anerkenne, so tue
ich es mit dem schlechten Gewissen von jemandem, der ihre Bücher
früher hätte lesen, sie früher hätte verstehen
sollen. Hätte ich ihre Bücher gelesen, so hätte ich
eine Menge Dinge nicht sagen müssen, und mir wären Irrtümer
erspart geblieben. Vielleicht wäre ich, wenn ich die Philosophen
dieser Schule in meiner Jugend kennengelernt hätte, von ihnen so
begeistert gewesen, daß ich nichts weiter hätte tun
können, als sie zu kommentieren." (Foucault 1980, S.82)
Das gefällt den Frankfurtern, und
zwar so gut, dass es gleich drei mal in Serie von allen drei
EröffnungsrednerInnen zitiert wurde. An Unbescheidenheit und
mangelndem Selbstbewusstsein leiden die Gastgeber nicht. Unerwähnt
bleibt freilich, dass sich Foucault im selben Interview unmittelbar
im Anschluss an die zitierte Passage auch kritisch zur Frankfurter
Schule äußerte.
"Gewiss gibt es
Differenzierungen. Schematisch und vorläufig könnte man
behaupten, daß die Konzeption des Subjekts, welche die
Frankfurter Schule vertrat, eine ziemlich traditionelle, ihrem Wesen
nach philosophische war; sie war weitgehend geprägt vom
marxistischen Humanismus. Auf diese Weise erklärt sich ihre
spezielle Anknüpfung an bestimmte Freudsche Begriffe, etwa das
Verhältnis zwischen Entfremdung und Repression, zwischen
Befreiung und der Aufhebung von Entfremdung und Ausbeutung. Ich
glaube nicht, daß die Frankfurter Schule zugeben könnte,
daß wir nicht unsere verlorene Identität wiederzufinden,
unsere gefangene Natur zu befreien, unsere fundamentale Wahrheit
herauszustellen haben, sondern vielmehr auf etwas ganz anderes
zugehen müssen." (ebd. S. 83)
Foucaults Kritik richtet sich gegen
eine essentialistische Subjektphilosophie. Die Vertreter der
Kritischen Theorie in der Nachfolge von Adorno und Horkheimer, "die
in der gebrochenen Subjektivität ein letztes
Widerstandspotential gegen den universellen Verblendungszusammenhang
sahen, konnten wenig mit Foucault anfangen." (Ö1) Auch
Jürgen Habermas geht von einem sich selbst bereits gegebenen
Subjekt aus, das beispielsweise für die Praktik des
herrschaftsfreien Diskurses konstitutiv ist. Paul Veyne, Hauptredner
des ersten Abends der Veranstaltung, macht auf einen wichtigen
Unterschied aufmerksam: Das Subjekt ist bei Foucault nicht
konstituierend, sondern konstituiert. Die Differenzen zwischen
Habermas und Foucault sind hinlänglich bekannt, auch, dass
Habermas in den französischen Poststrukturalisten einst
"Konservative" zu erblicken meinte. Unter den
ReferentInnen der Konferenz fanden sich auch solche, die sich
kritisch zur Habermasschen Interpretation Foucaults äußerten.
Im Übrigen ließe sich ja auch fragen, inwiefern nicht
Habermas selbst zu einem Bewahrer geworden ist.
Showdown im Hörsaal VI
Kompetitiv waren die RednerInnen der
Konferenz allemal. Es entspricht einem akademischen Habitus,
insbesondere dem in Deutschland und in den USA, jenen Ländern,
aus denen die meisten der eingeladenen FoucaultexpertInnen kamen.
Leidenschaftlich korrigierten sie sich gegenseitig in ihren
Interpretationen, manche suchen dabei Allianzen oder boten anderen
solche an. Die vorgeführte akademische Übung fand auf den
Schultern eines Riesen satt, wie es ein Vortragender treffend zu
formulieren wusste. So versuchte man wohl dem auf gleicher Höhe
in die Augen zu blicken, auf dessen Schultern man zu stehen bemüht
war.
Die akademische Praxis in der
Bundesrepublik - so konnte man den Eindruck gewinnen -
ist von einer gewissen Grobschlächtigkeit gekennzeichnet. Erst
wird mal die Axt ausgepackt und mal richtig Holz gemacht, eine feine
Klinge führen nur wenige. Polternd stellen manche die eigene
Deutungshoheit über das foucaultsche Werk her. Dabei ist man
sehr bemüht auf vermeintliche und tatsächliche Fehler bzw.
Mängel des foucaultschen Denkens hinzuweisen. Notfalls erklärt
man nach einem solchen Fund Foucault auch schon mal für
"Scheiße!", wie das einer der Referenten in
befremdlicher Weise tatsächlich getan hat. Bei Axel Honneth hat
das freilich etwas mehr Stil, mit gewisser Eloquenz erläutert er
in einem Interview: Foucault nehme gelegentlich mit "grobgestrickten
Metaphern" Zuflucht ins "schlecht Philosophische"
(Ö1).
Neben dem rauen Wind, der im Hörsaal
VI bläst, fällt ein Zweites auf, gerade auch bei Honneth,
nämlich wie sehr man bemüht ist, Foucault zu verdeutschen,
wie eine niederländische Stimme aus dem Publikum mit Recht
feststellte. Man bemühte sich ausführlich auf Nietzsches
Einfluss, den Webers (obwohl Foucault sich kaum, und wenn dann wie in
"Der Wille zum Wissen" eher kritisch auf Weber bezieht)
sogar die Nähe zu Wittgenstein (der ja bekanntlich Österreicher
war) oder Nähe und Distanz zu Heidegger hinzuweisen.
Ausführungen dieser Art machen klar, sie sind nicht nur wieder
wer, unsere nördlichen Nachbarn, sondern sie waren auch schon
früher das Land der Dichter und Denker.
Honneth selbst sagt, er sehe Foucault
als einen Beitrag zur Philosophie der Frankfurter Schule, dies hätte
er bereits mit seinem Buch "Die Kritik der Macht" zeigen
wollen: "Es war ja damals schon ein Versuch, Foucault
einzubetten eigentlich in die Geschichte der Kritischen Theorie und
zu einem Bestandteil der Kritischen Theorie zu machen." (Ö1)
In einem Resümee zur Konferenz, nachzulesen unter
http://science.orf.at/science/news/27722, wird sogar von einem
"Domestizierungsversuch" gesprochen und davon, Foucault
in die Ahnenreihe der Frankfurter Schule einzuverleiben. Dass man
damit Foucault nicht ganz gerecht wird, darauf weißt auch der
Soziologe Markus Kleiner hin: "Foucault kann man nicht wirklich
begreifen allein durch die Brille der Kritischen Theorie." (Ö1)
Auch Judith Butler versuchte Foucault zum Hegelianer zu machen, was
selbst dem Frankfurter Reimunt Reich (Kommentator des Vortrags von
Judith Butler) zu viel war. Vermutlich hat man es doch nicht so gern,
wenn Amerikanerinnen französische Denker mit deutschen
Philosophen zu erklären versuchen.
Akademische Philosophie
Die akademische Philosophie, so wie sie
auch bei der Foucault-Konferenz in Frankfurt praktiziert wurde, setzt
sich mit dem foucaultschen Denken in einer spezifischen Art und Weise
auseinander. Hauptsächlich wurden Fragen erörtert, was wie
gemeint war, wovon Foucaults Denken beeinflusst war, vom welchem es
sich unterscheidet und welchem es gleicht oder zumindest nahe kommt.
Den von Foucault aufgeworfenen Fragestellungen selbst widmet man sich
am wenigsten. Versuche, Foucaults Arbeiten weiterzuführen und
auf aktuelle gesellschaftliche Problemlagen anzuwenden, werden eher
gering geschätzt, zumindest wird ihnen in Frankfurt kein Platz
eingeräumt. Beinahe scheint es so, als hätten die
Philosophen Angst vor der Empirie. Kurz, man betreibt im Grunde
philosophische Exegese. Ironischerweise kann mit dieser Übung
eigentlich erst richtig begonnen werden, wenn der betreffende Autor
schon tot ist. Sonst nämlich könnte man ihn ja fragen und
um eine Stellungnahme bitten.
Freilich hat Foucault keinerlei
privilegierte Position für die Interpretation seines Werks.
Schließlich hat er ja selbst dazu aufgefordert: "Macht
mit meinen Büchern was ihr wollt!" Aber Foucault war auch
stets sehr bemüht, auf kritische Nachfragen klärende
Antworten zu geben. Wer Interviews mit ihm gelesen hat, wird deren
Bedeutung zum Verständnis seines Werks bestätigen. Oftmals
sind diese Interviews weitaus ergiebiger als viele
Rezeptionsunterfangen. Und zwar nicht, weil andere Interpretationen
nicht zulässig wären, sondern weil diese vielfach
Fragestellungen aufwerfen, die mit den von Foucault diskutierten,
manchmal nur noch recht wenig zu tun haben. Hinzu kommt, dass die
vorgetragenen Lesearten der ExpertInnen durchaus nicht immer
hilfreich sind. Oft sind ihre Anweisungen, Kritiken und Erklärungen
eher irreführend oder aus der Perspektive des eigenen Werkes
gedacht und im schlimmsten Fall sogar falsch.
Das Problem liegt zu einem guten Teil
in der Praxis der akademischen Philosophie, wie Willhelm Berger und
Peter Heintel in ihrem Buch "Die Organisation der Philosophen"
schreiben. Bei all dem fachmännischen Interpretieren und
Rezipieren hat die akademische Philosophie allen die Kompetenz
abgesprochen über philosophische Fragen mitzureden, die keinen
einschlägigen Universitätsabschluss haben. Sie macht alle
anderen zu solchen, die nicht wissen und gut zuhören sollten, um
zu erfahren, wie Foucault zu verstehen sei. Bei den auf diese Weise
zu Laien gemachten ZuhörerInnen löst dies oftmals
Widerstand aus. "Er richtet sich gegen eine bestimmte
Enteignung des Denkens, gegen eine Macht des vermeintlichen Wissens,
das alle eigenständigen Gehversuche als dilettantisch abwertet."
(Berger/Heintel 1998, S. 14-15)
Man kann durchaus nach der Relevanz
eines akademischen Spiels fragen, bei dem fast keiner mitspielen darf
und die meisten zu passiven RezipientInnen auf den Rängen der
Zuschauerbänke gemacht werden. Es ist die Art und Weise, wie
über Foucault Philosophie betrieben wird, die irritiert, vor
allem deshalb, weil es ein Art und Weise ist, gegen die sich Foucault
selbst Zeit seines Lebens verwehrt hatte. Gerade weil er selbst nach
alternativen Wegen suchte und darum bemüht war "anders zu
denken" blieb ihm die Anerkennung Seitens der akademischen
Philosophie ja auch lange Zeit versagt.
Die Frage nach der Rezeption Foucaults
ist zweifelsfrei eine wichtige. Aber wäre es nicht auch
zumindest ebenso wichtig zu fragen, was man mit dem Gelesenen machen
kann? Immerhin stand Foucaults Spätwerk unter dem Vorzeichen der
Ethik und somit ging es ihm ja explizit um die Frage des Handelns.
Ein wenig geringschätzig wird oft von Foucaults "Toolbox"
gesprochen. Gemeint sind damit die von Foucault entwickelten
Analyseverfahren, seine Methoden, die es erlauben, philosophische
Fragen empirisch zu untersuchen oder umgekehrt, an konkreten
historisch-empirischen Analysen philosophische Fragen aufzuwerfen und
zu diskutieren. Der Unterton mit dem man darüber spricht, lässt
vermuten, dass man es nicht für standesgemäß
erachtet, sich als Philosoph auf konkrete, empirische Fragestellungen
einzulassen.
Gerade in Frankfurt spürt man die
Empirieabstinenz der akademischen Philosophie sehr deutlich. Es ist
abermals Axel Honneth, der in Bezug auf das Spätwerk darauf
aufmerksam macht, "dass es eine gewisse Tendenz gibt, diese
Überlegungen zur Ästhetik der Existenz zu trivialisieren,
wenn man so will, und zu so 'ner Art Lebenskunst herunterzustufen.
Und ich glaube da unterschätzt man den philosophischen
Stellenwert, den das Projekt bei Foucault hat. Es ist ja keine
Anweisung darüber, wie ich ein gutes Leben führen soll."
(Ö1)
Richtig ist, dass Foucault sich
vehement dagegen verwehrte, konkrete Handlungsanweisungen zu geben,
was sich auch in der programmatischen Abstinenz seiner ethischen
Arbeiten deutlich zeigt. Warum dem so ist, formuliert Foucault im
bereits zitierten Gespräch mit Ducio Trombadori: "Aus
Gründen, die zutiefst mit meiner politischen Wahl - im
weitesten Sinn des Wortes - zusammenhängen, will ich auf
keinen Fall die Rolle von jemandem spielen, der Lösungen
vorgibt." (a.a.O., S. 105) Diese starke Zurückhaltung
bedeutet aber nicht, dass jede und jeder nicht für sich selbst
sehr wohl sehr konkrete Seinsweisen ausformulieren sollte. Es geht
genau um die Frage, wie man gut - d.h. im Sinne Foucaults
"schön" - leben könne, ganz konkret.
Foucaults Problem war nicht, dass er die Auseinandersetzung mit
dieser Frage - wie Axel Honneth - für
unphilosophisch hielt, sondern allein, dass er wollte, dass sich die
Menschen selbst damit beschäftigen und nicht die Ansichten des
Herrn Foucault nachbeten würden, was leider dennoch zur Genüge
geschieht.
Für sich selbst hat Foucault die
Frage nach der Ästhetik der eigenen Existenz durchaus auch
beantwortet und es führt regelmäßig zu dem
Missverständnis, er hätte seine Lebensweise als den
Königsweg für alle qualifizieren wollen. Diesem Irrtum
unterlag auch Richard Shusterman aus Philadelphia, der sich an
Foucaults Lebenswandel gestoßen hat. Konservative Fußnoten
dieser Art haben zum Verständnis des foucaultschen Denkens
allerdings nichts Wesentliches beizutragen.
Was sich lohnte
Es ist dem Suhrkamp Verlag zu danken,
dass Foucaults 75. Geburtstag zum Anlass wurde, die von Daniel Defert
herausgegebenen "Dits et Ecrits" ins Deutsche zu
übersetzen und in vier Bänden herauszugeben. Es handelt
sich dabei um eine Sammlung sämtlicher kleinerer Schriften,
Interviews, Gespräche Foucaults, wie er sie im Laufe seines
Lebens in großer Zahl produzierte. Viele dieser kleinen, aber
sehr bedeutsamen Texte sind bereits im Merve Verlag erschienen und
den Lesern Foucaults auch ans Herz gewachsen. Die Geschichte des
sympathischen Verlags war eng mit Texten von Foucault verbunden, wie
Peter Gente, einer der beiden Leiter des Hauses Merve zu erzählen
weiß. Begonnen hat alles als Lesekreis. Gelesen wurden auch
solche kleineren Texte, Interviews etc. wie sie in französischen
Zeitungen publiziert wurden. Später bemühte man sich dann
um die Rechte und gab die Texte gesammelt in deutscher Sprache
heraus. Seit 1977 erscheinen sie in der bekannten, handlichen Größe.
"Der Faden ist gerissen" von Gilles Deleuze und Michel
Foucault war übrigens der erste Band in diesem Format.
Es waren Geschichten wie diese, die die
Frankfurter Foucault-Konferenz zu einem lohnenden Erlebnis machten.
Auch Daniel Defert wusste davon einige zu erzählen. Sie
gewährten Einblick in das Leben und die Arbeitsweise Foucaults,
die einem üblicherweise verborgen bleiben. Sie waren aber auch
nicht von jener voyeuristischen oder denunzierenden Sorte, wie man
sie gerade über Foucault zur Genüge finden kann. Defert,
der auch Verwalter des Nachlasses Foucaults ist, kündigte das
Vorhaben an, die von Foucault am Collège de France gehaltenen
Vorlesungen herauszugeben. Und die Herren von Suhrkamp versicherten,
dass diese Publikationen nicht nur frankophilen Lesern vorbehalten
bleiben werden. Das Erscheinen des vierten Bandes der Geschichte der
Sexualität "Die Geständnisse des Fleisches"
bleibt allerdings auch weiterhin ungewiss. Die Publikation war ja von
Foucault nicht freigegeben worden und diesem Wunsch möchte
Daniel Defert auch weiterhin entsprechen. Er hat zwar, wie er sagte,
sein Testament gemacht, doch wie er sich entschieden hat, verrät
er nicht.
Gelohnt hat sich die Frankfurter
Konferenz aber auch wegen des charmanten Vortrags von Paul Veyne. Er
spricht mit der Stimme eines Freundes von Foucault, der von seinem
Denken begeistert ist und sich bemüht, seine Faszination
weiterzugeben. Dieser Stil unterscheidet ihn deutlich von den meisten
anderen RednerInnen der Konferenz. Die Publikationen Veynes werden
neben den Arbeiten Gilles Deleuze von FoucaultkennerInnen sehr
geschätzt und zählen zu den Besten ihrer Art.
Positiv fiel auch auf, dass die
jüngeren, noch wenig bekannten WissenschafterInnen, die Newcomer
wenn man so will, einen weit besseren Eindruck hinterließen als
so manche/r renommierte HauptrednerIn. Als KommentatorInnen
eingeladen, stellten sie oftmals die profundere Kenntnis des
foucaultschen Werks unter Beweis und auch was man damit machen kann.
Für die Zukunft lässt das viel Gutes und Lesenswertes
erwarten, insbesondere von Ulrich Bröckling, Thomas Lemke und
Cornelia Vismann. Weiters sind jedenfalls Claudia Honnegger und
Heidrun Hesse zu nennen, deren Vorträge Witz und Esprit hatten
und den Zuhörern nicht zu erklären versuchten, was diese
ohnehin selbst wussten. Allen die über und mit Foucault
arbeiten, gehen sie mit gutem Beispiel voran, doch uns die Lektüre
Foucaults zu ersetzen, vermögen sie wohl dennoch nicht.
Die Zitate beziehen sich auf eine am 11.10.01 vom Österreichischen Rundfunk im Programm Ö1 ausgestrahlte Sendung: "Dimensionen: Der Anwalt der Entrechteten"
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