sinn-haft nr 12
schlamm & damm



BERNHARD WIESER
Auf den Schultern des Riesen
Eine Nachlese zur Frankfurter Foucault-Konferenz

Als ich selbst begonnen hatte, mich mit Foucault zu beschäftigen, fragte ich einen meiner Lehrer, was ich seiner Meinung nach lesen sollte, um mein Verständnis der foucaultschen Analyse der Macht zu verbessern, welche Sekundärliteratur er mir empfehlen würde. Seine Antwort war: "Lies mehr Foucault!" Heute weiß ich, und nach der Teilnahme an der Frankfurter Foucault-Konferenz 2001 noch mehr, wie gewinnbringend und hilfreich sein Rat war. Die Konferenz in Frankfurt gab nun Gelegenheit, sich über die Rezeption Foucaults im deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum kundig zu machen. Dieser Artikel versucht ein Bild von der Konferenz zu zeichnen und möchte damit Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Werk Foucaults und dessen Rezeption geben.

Zwischenbilanz einer Rezeption nennt sich die Frankfurter Foucault-Konferenz 2001, organisiert vom Institut für Sozialwissenschaften - der "Kommandozentrale" der Kritischen Theorie. Nur wenige Tage zuvor hat Jacques Derrida hier in Frankfurt den Adorno-Preis erhalten. Ausgerechnet er, dem man den Verrat der Philosophie an die Literatur vorgeworfen hat. Nun beschäftigen sich die kritischen Frankfurter erneut mit dem Werk eines französischen Denkers. Ist darin vielleicht das Ende einer dreißigjährigen Verkennungsgeschichte zu erkennen? Nähern sich nunmehr - zwar mit Verspätung - zwei bedeutende Denktraditionen des 20. Jahrhunderts allmählich an? Man kann es wohl als einen Versuch werten, ein wenig durch "Feindesland" zu gehen, wie Ulrich Raulff in der Süddeutschen Zeitung schreibt; ob man dabei überraschend auf Freunde stoßen wird, bleibt vorerst offen. Ulrich Bröckling bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass man nun, 16 Jahre nach dem Tod Foucaults, mit mehr Abstand auch mehr Offenheit gegenüber dem Werk Foucaults gewonnen hat. Dass diese "Distanz und Gelassenheit dazu führt, dass man bei Foucault Sachen entdeckt, die man in diesen Frontstellungen der späten 70er und frühen 80er Jahre grade wegen der Hitze des Gefechts nicht erkennen konnte." (Ö1)

Axel Honneth, Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialwissenschaften und Habermas Nachfolger eröffnet als Hausherr die Veranstaltung. Er gibt der Sache einen offiziellen Rahmen und das ihr gebührende Gewicht. Dabei vergisst er nicht auf ein paar spröde Höflichkeiten und Worte der Anerkennung für die Verdienste des foucaultschen Denkens. Dennoch, die Frankfurter tun sich nach wie vor schwer mit dem Franzosen. Honneth nennt das Werk Foucaults "fragmentarisch" und "marginal". Freundlich ist das nicht gerade, auch dann nicht, wenn man damit zum Ausdruck bringen will, dass Foucault historische Fallstudien durchgeführt hat, zu verschiedenen Themen in unterschiedlichen Epochen. Statt das Werk Foucaults "fragmentarisch" zu nennen, hätte er ja beispielsweise auch wie Paul Veyne sagen können, dass Foucault allgemeine, universale Wahrheiten in Zweifel gezogen hat und sich daher immer für Singularitäten interessierte. Paradoxerweise stößt sich Honneth auch daran, dass Foucault sich nicht selbst zitierte. Darin einen Mangel zu sehen und eine Inkonsistenz des Werks abzuleiten mutet doch ein wenig seltsam an.

Foucault war Zeit seines Lebens bemüht, die Grenzen des Denkens zu überschreiten. Dies wird oftmals durch die Formulierung zum Ausdruck gebracht, seine Arbeit bewege sich an den Rändern von traditionellen akademischen Disziplinen, die er aufzusprengen und zu überwinden versuchte. Wenn Honneth aber davon spricht, Foucaults Werk sei "marginal", so spielt er offensichtlich mit einer anderen Konnotation des Wortes. Dem foucaultschen Denken Bedeutungslosigkeit zuzuschreiben, scheint allerdings selbst Honneth ein zu kühnes Unterfangen zu sein, so begnügt er sich mit der Andeutung und gibt vor, gemeint zu haben, dass sich Foucault keinem akademischen Kanon unterworfen habe. Eine Eröffnungsrede gibt auch Gelegenheit, auf die eigenen Verdienste hinzuweisen, so werden Zitate zum Besten gegeben, in denen sich Foucault anerkennend über die Frankfurter äußert. Vor allem eines erfreut sich besonderer Beliebtheit. Es findet sich in deutscher Übersetzung in einem bei Suhrkamp erschienenen Band "Der Mensch ist ein Erfahrungstier" und entstammt einem 1980 geführten Gespräch Foucaults mit Ducio Trombadori:

"Wenn ich die Verdienste der Philosophen der Frankfurter Schule anerkenne, so tue ich es mit dem schlechten Gewissen von jemandem, der ihre Bücher früher hätte lesen, sie früher hätte verstehen sollen. Hätte ich ihre Bücher gelesen, so hätte ich eine Menge Dinge nicht sagen müssen, und mir wären Irrtümer erspart geblieben. Vielleicht wäre ich, wenn ich die Philosophen dieser Schule in meiner Jugend kennengelernt hätte, von ihnen so begeistert gewesen, daß ich nichts weiter hätte tun können, als sie zu kommentieren." (Foucault 1980, S.82)
Das gefällt den Frankfurtern, und zwar so gut, dass es gleich drei mal in Serie von allen drei EröffnungsrednerInnen zitiert wurde. An Unbescheidenheit und mangelndem Selbstbewusstsein leiden die Gastgeber nicht. Unerwähnt bleibt freilich, dass sich Foucault im selben Interview unmittelbar im Anschluss an die zitierte Passage auch kritisch zur Frankfurter Schule äußerte.
"Gewiss gibt es Differenzierungen. Schematisch und vorläufig könnte man behaupten, daß die Konzeption des Subjekts, welche die Frankfurter Schule vertrat, eine ziemlich traditionelle, ihrem Wesen nach philosophische war; sie war weitgehend geprägt vom marxistischen Humanismus. Auf diese Weise erklärt sich ihre spezielle Anknüpfung an bestimmte Freudsche Begriffe, etwa das Verhältnis zwischen Entfremdung und Repression, zwischen Befreiung und der Aufhebung von Entfremdung und Ausbeutung. Ich glaube nicht, daß die Frankfurter Schule zugeben könnte, daß wir nicht unsere verlorene Identität wiederzufinden, unsere gefangene Natur zu befreien, unsere fundamentale Wahrheit herauszustellen haben, sondern vielmehr auf etwas ganz anderes zugehen müssen." (ebd. S. 83)
Foucaults Kritik richtet sich gegen eine essentialistische Subjektphilosophie. Die Vertreter der Kritischen Theorie in der Nachfolge von Adorno und Horkheimer, "die in der gebrochenen Subjektivität ein letztes Widerstandspotential gegen den universellen Verblendungszusammenhang sahen, konnten wenig mit Foucault anfangen." (Ö1) Auch Jürgen Habermas geht von einem sich selbst bereits gegebenen Subjekt aus, das beispielsweise für die Praktik des herrschaftsfreien Diskurses konstitutiv ist. Paul Veyne, Hauptredner des ersten Abends der Veranstaltung, macht auf einen wichtigen Unterschied aufmerksam: Das Subjekt ist bei Foucault nicht konstituierend, sondern konstituiert. Die Differenzen zwischen Habermas und Foucault sind hinlänglich bekannt, auch, dass Habermas in den französischen Poststrukturalisten einst "Konservative" zu erblicken meinte. Unter den ReferentInnen der Konferenz fanden sich auch solche, die sich kritisch zur Habermasschen Interpretation Foucaults äußerten. Im Übrigen ließe sich ja auch fragen, inwiefern nicht Habermas selbst zu einem Bewahrer geworden ist.
Showdown im Hörsaal VI
Kompetitiv waren die RednerInnen der Konferenz allemal. Es entspricht einem akademischen Habitus, insbesondere dem in Deutschland und in den USA, jenen Ländern, aus denen die meisten der eingeladenen FoucaultexpertInnen kamen. Leidenschaftlich korrigierten sie sich gegenseitig in ihren Interpretationen, manche suchen dabei Allianzen oder boten anderen solche an. Die vorgeführte akademische Übung fand auf den Schultern eines Riesen satt, wie es ein Vortragender treffend zu formulieren wusste. So versuchte man wohl dem auf gleicher Höhe in die Augen zu blicken, auf dessen Schultern man zu stehen bemüht war.

Die akademische Praxis in der Bundesrepublik - so konnte man den Eindruck gewinnen - ist von einer gewissen Grobschlächtigkeit gekennzeichnet. Erst wird mal die Axt ausgepackt und mal richtig Holz gemacht, eine feine Klinge führen nur wenige. Polternd stellen manche die eigene Deutungshoheit über das foucaultsche Werk her. Dabei ist man sehr bemüht auf vermeintliche und tatsächliche Fehler bzw. Mängel des foucaultschen Denkens hinzuweisen. Notfalls erklärt man nach einem solchen Fund Foucault auch schon mal für "Scheiße!", wie das einer der Referenten in befremdlicher Weise tatsächlich getan hat. Bei Axel Honneth hat das freilich etwas mehr Stil, mit gewisser Eloquenz erläutert er in einem Interview: Foucault nehme gelegentlich mit "grobgestrickten Metaphern" Zuflucht ins "schlecht Philosophische" (Ö1).

Neben dem rauen Wind, der im Hörsaal VI bläst, fällt ein Zweites auf, gerade auch bei Honneth, nämlich wie sehr man bemüht ist, Foucault zu verdeutschen, wie eine niederländische Stimme aus dem Publikum mit Recht feststellte. Man bemühte sich ausführlich auf Nietzsches Einfluss, den Webers (obwohl Foucault sich kaum, und wenn dann wie in "Der Wille zum Wissen" eher kritisch auf Weber bezieht) sogar die Nähe zu Wittgenstein (der ja bekanntlich Österreicher war) oder Nähe und Distanz zu Heidegger hinzuweisen. Ausführungen dieser Art machen klar, sie sind nicht nur wieder wer, unsere nördlichen Nachbarn, sondern sie waren auch schon früher das Land der Dichter und Denker.

Honneth selbst sagt, er sehe Foucault als einen Beitrag zur Philosophie der Frankfurter Schule, dies hätte er bereits mit seinem Buch "Die Kritik der Macht" zeigen wollen: "Es war ja damals schon ein Versuch, Foucault einzubetten eigentlich in die Geschichte der Kritischen Theorie und zu einem Bestandteil der Kritischen Theorie zu machen." (Ö1) In einem Resümee zur Konferenz, nachzulesen unter http://science.orf.at/science/news/27722, wird sogar von einem "Domestizierungsversuch" gesprochen und davon, Foucault in die Ahnenreihe der Frankfurter Schule einzuverleiben. Dass man damit Foucault nicht ganz gerecht wird, darauf weißt auch der Soziologe Markus Kleiner hin: "Foucault kann man nicht wirklich begreifen allein durch die Brille der Kritischen Theorie." (Ö1) Auch Judith Butler versuchte Foucault zum Hegelianer zu machen, was selbst dem Frankfurter Reimunt Reich (Kommentator des Vortrags von Judith Butler) zu viel war. Vermutlich hat man es doch nicht so gern, wenn Amerikanerinnen französische Denker mit deutschen Philosophen zu erklären versuchen.

Akademische Philosophie
Die akademische Philosophie, so wie sie auch bei der Foucault-Konferenz in Frankfurt praktiziert wurde, setzt sich mit dem foucaultschen Denken in einer spezifischen Art und Weise auseinander. Hauptsächlich wurden Fragen erörtert, was wie gemeint war, wovon Foucaults Denken beeinflusst war, vom welchem es sich unterscheidet und welchem es gleicht oder zumindest nahe kommt. Den von Foucault aufgeworfenen Fragestellungen selbst widmet man sich am wenigsten. Versuche, Foucaults Arbeiten weiterzuführen und auf aktuelle gesellschaftliche Problemlagen anzuwenden, werden eher gering geschätzt, zumindest wird ihnen in Frankfurt kein Platz eingeräumt. Beinahe scheint es so, als hätten die Philosophen Angst vor der Empirie. Kurz, man betreibt im Grunde philosophische Exegese. Ironischerweise kann mit dieser Übung eigentlich erst richtig begonnen werden, wenn der betreffende Autor schon tot ist. Sonst nämlich könnte man ihn ja fragen und um eine Stellungnahme bitten.

Freilich hat Foucault keinerlei privilegierte Position für die Interpretation seines Werks. Schließlich hat er ja selbst dazu aufgefordert: "Macht mit meinen Büchern was ihr wollt!" Aber Foucault war auch stets sehr bemüht, auf kritische Nachfragen klärende Antworten zu geben. Wer Interviews mit ihm gelesen hat, wird deren Bedeutung zum Verständnis seines Werks bestätigen. Oftmals sind diese Interviews weitaus ergiebiger als viele Rezeptionsunterfangen. Und zwar nicht, weil andere Interpretationen nicht zulässig wären, sondern weil diese vielfach Fragestellungen aufwerfen, die mit den von Foucault diskutierten, manchmal nur noch recht wenig zu tun haben. Hinzu kommt, dass die vorgetragenen Lesearten der ExpertInnen durchaus nicht immer hilfreich sind. Oft sind ihre Anweisungen, Kritiken und Erklärungen eher irreführend oder aus der Perspektive des eigenen Werkes gedacht und im schlimmsten Fall sogar falsch. Das Problem liegt zu einem guten Teil in der Praxis der akademischen Philosophie, wie Willhelm Berger und Peter Heintel in ihrem Buch "Die Organisation der Philosophen" schreiben. Bei all dem fachmännischen Interpretieren und Rezipieren hat die akademische Philosophie allen die Kompetenz abgesprochen über philosophische Fragen mitzureden, die keinen einschlägigen Universitätsabschluss haben. Sie macht alle anderen zu solchen, die nicht wissen und gut zuhören sollten, um zu erfahren, wie Foucault zu verstehen sei. Bei den auf diese Weise zu Laien gemachten ZuhörerInnen löst dies oftmals Widerstand aus. "Er richtet sich gegen eine bestimmte Enteignung des Denkens, gegen eine Macht des vermeintlichen Wissens, das alle eigenständigen Gehversuche als dilettantisch abwertet." (Berger/Heintel 1998, S. 14-15)

Man kann durchaus nach der Relevanz eines akademischen Spiels fragen, bei dem fast keiner mitspielen darf und die meisten zu passiven RezipientInnen auf den Rängen der Zuschauerbänke gemacht werden. Es ist die Art und Weise, wie über Foucault Philosophie betrieben wird, die irritiert, vor allem deshalb, weil es ein Art und Weise ist, gegen die sich Foucault selbst Zeit seines Lebens verwehrt hatte. Gerade weil er selbst nach alternativen Wegen suchte und darum bemüht war "anders zu denken" blieb ihm die Anerkennung Seitens der akademischen Philosophie ja auch lange Zeit versagt.

Die Frage nach der Rezeption Foucaults ist zweifelsfrei eine wichtige. Aber wäre es nicht auch zumindest ebenso wichtig zu fragen, was man mit dem Gelesenen machen kann? Immerhin stand Foucaults Spätwerk unter dem Vorzeichen der Ethik und somit ging es ihm ja explizit um die Frage des Handelns. Ein wenig geringschätzig wird oft von Foucaults "Toolbox" gesprochen. Gemeint sind damit die von Foucault entwickelten Analyseverfahren, seine Methoden, die es erlauben, philosophische Fragen empirisch zu untersuchen oder umgekehrt, an konkreten historisch-empirischen Analysen philosophische Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren. Der Unterton mit dem man darüber spricht, lässt vermuten, dass man es nicht für standesgemäß erachtet, sich als Philosoph auf konkrete, empirische Fragestellungen einzulassen.

Gerade in Frankfurt spürt man die Empirieabstinenz der akademischen Philosophie sehr deutlich. Es ist abermals Axel Honneth, der in Bezug auf das Spätwerk darauf aufmerksam macht, "dass es eine gewisse Tendenz gibt, diese Überlegungen zur Ästhetik der Existenz zu trivialisieren, wenn man so will, und zu so 'ner Art Lebenskunst herunterzustufen. Und ich glaube da unterschätzt man den philosophischen Stellenwert, den das Projekt bei Foucault hat. Es ist ja keine Anweisung darüber, wie ich ein gutes Leben führen soll." (Ö1)

Richtig ist, dass Foucault sich vehement dagegen verwehrte, konkrete Handlungsanweisungen zu geben, was sich auch in der programmatischen Abstinenz seiner ethischen Arbeiten deutlich zeigt. Warum dem so ist, formuliert Foucault im bereits zitierten Gespräch mit Ducio Trombadori: "Aus Gründen, die zutiefst mit meiner politischen Wahl - im weitesten Sinn des Wortes - zusammenhängen, will ich auf keinen Fall die Rolle von jemandem spielen, der Lösungen vorgibt." (a.a.O., S. 105) Diese starke Zurückhaltung bedeutet aber nicht, dass jede und jeder nicht für sich selbst sehr wohl sehr konkrete Seinsweisen ausformulieren sollte. Es geht genau um die Frage, wie man gut - d.h. im Sinne Foucaults "schön" - leben könne, ganz konkret. Foucaults Problem war nicht, dass er die Auseinandersetzung mit dieser Frage - wie Axel Honneth - für unphilosophisch hielt, sondern allein, dass er wollte, dass sich die Menschen selbst damit beschäftigen und nicht die Ansichten des Herrn Foucault nachbeten würden, was leider dennoch zur Genüge geschieht.

Für sich selbst hat Foucault die Frage nach der Ästhetik der eigenen Existenz durchaus auch beantwortet und es führt regelmäßig zu dem Missverständnis, er hätte seine Lebensweise als den Königsweg für alle qualifizieren wollen. Diesem Irrtum unterlag auch Richard Shusterman aus Philadelphia, der sich an Foucaults Lebenswandel gestoßen hat. Konservative Fußnoten dieser Art haben zum Verständnis des foucaultschen Denkens allerdings nichts Wesentliches beizutragen.

Was sich lohnte
Es ist dem Suhrkamp Verlag zu danken, dass Foucaults 75. Geburtstag zum Anlass wurde, die von Daniel Defert herausgegebenen "Dits et Ecrits" ins Deutsche zu übersetzen und in vier Bänden herauszugeben. Es handelt sich dabei um eine Sammlung sämtlicher kleinerer Schriften, Interviews, Gespräche Foucaults, wie er sie im Laufe seines Lebens in großer Zahl produzierte. Viele dieser kleinen, aber sehr bedeutsamen Texte sind bereits im Merve Verlag erschienen und den Lesern Foucaults auch ans Herz gewachsen. Die Geschichte des sympathischen Verlags war eng mit Texten von Foucault verbunden, wie Peter Gente, einer der beiden Leiter des Hauses Merve zu erzählen weiß. Begonnen hat alles als Lesekreis. Gelesen wurden auch solche kleineren Texte, Interviews etc. wie sie in französischen Zeitungen publiziert wurden. Später bemühte man sich dann um die Rechte und gab die Texte gesammelt in deutscher Sprache heraus. Seit 1977 erscheinen sie in der bekannten, handlichen Größe. "Der Faden ist gerissen" von Gilles Deleuze und Michel Foucault war übrigens der erste Band in diesem Format.

Es waren Geschichten wie diese, die die Frankfurter Foucault-Konferenz zu einem lohnenden Erlebnis machten. Auch Daniel Defert wusste davon einige zu erzählen. Sie gewährten Einblick in das Leben und die Arbeitsweise Foucaults, die einem üblicherweise verborgen bleiben. Sie waren aber auch nicht von jener voyeuristischen oder denunzierenden Sorte, wie man sie gerade über Foucault zur Genüge finden kann. Defert, der auch Verwalter des Nachlasses Foucaults ist, kündigte das Vorhaben an, die von Foucault am Collège de France gehaltenen Vorlesungen herauszugeben. Und die Herren von Suhrkamp versicherten, dass diese Publikationen nicht nur frankophilen Lesern vorbehalten bleiben werden. Das Erscheinen des vierten Bandes der Geschichte der Sexualität "Die Geständnisse des Fleisches" bleibt allerdings auch weiterhin ungewiss. Die Publikation war ja von Foucault nicht freigegeben worden und diesem Wunsch möchte Daniel Defert auch weiterhin entsprechen. Er hat zwar, wie er sagte, sein Testament gemacht, doch wie er sich entschieden hat, verrät er nicht.

Gelohnt hat sich die Frankfurter Konferenz aber auch wegen des charmanten Vortrags von Paul Veyne. Er spricht mit der Stimme eines Freundes von Foucault, der von seinem Denken begeistert ist und sich bemüht, seine Faszination weiterzugeben. Dieser Stil unterscheidet ihn deutlich von den meisten anderen RednerInnen der Konferenz. Die Publikationen Veynes werden neben den Arbeiten Gilles Deleuze von FoucaultkennerInnen sehr geschätzt und zählen zu den Besten ihrer Art.

Positiv fiel auch auf, dass die jüngeren, noch wenig bekannten WissenschafterInnen, die Newcomer wenn man so will, einen weit besseren Eindruck hinterließen als so manche/r renommierte HauptrednerIn. Als KommentatorInnen eingeladen, stellten sie oftmals die profundere Kenntnis des foucaultschen Werks unter Beweis und auch was man damit machen kann. Für die Zukunft lässt das viel Gutes und Lesenswertes erwarten, insbesondere von Ulrich Bröckling, Thomas Lemke und Cornelia Vismann. Weiters sind jedenfalls Claudia Honnegger und Heidrun Hesse zu nennen, deren Vorträge Witz und Esprit hatten und den Zuhörern nicht zu erklären versuchten, was diese ohnehin selbst wussten. Allen die über und mit Foucault arbeiten, gehen sie mit gutem Beispiel voran, doch uns die Lektüre Foucaults zu ersetzen, vermögen sie wohl dennoch nicht.

 


Die Zitate beziehen sich auf eine am 11.10.01 vom Österreichischen Rundfunk im Programm Ö1 ausgestrahlte Sendung: "Dimensionen: Der Anwalt der Entrechteten"
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Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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