sinn-haft nr 12
schlamm & damm



KARIN WOZONIG
Über die Drainagekritik

In den 40er Jahren des IX. Jahrhunderts kann der kluge Beobachter Hieronymus Lorm die schöne Literatur als mickriges Kraut auf humusreichem, sicherem Felde betrachten, denn:
"Der Schriftsteller ist demnach in Oestreich nur eine Ausnahme und kann den Prinzipien des Staates gegenüber nicht zur Anerkennung seiner unhemmbaren Nothwendigkeit gelangen, gleich dem Bürger, Handwerker oder Beamten; er ist ein exotisches Gewächs, das unter den nützlichen Kohlrüben als eine zwecklose und höchstens nicht unschöne Zierde des Staatsfeldes dasteht und kümmerlich und verkrüppelt fortvegetiert."
Randständig, aber das auf halbwegs festem Grunde ist sie zu diesem Zeitpunkt, die Literatur. Doch das währt nicht lange, denn die Flut bricht ein und statt des einförmigen Strangs würdiger Werke, an den man sich seit der Goethezeit gewöhnt hat, kommt: Massenware. Sogar Frauen beginnen zu publizieren!

Textproduktion ohne Ende; Bücher soweit das Auge reicht, unter das Volk gebracht in Leihbibliotheken; Feuilletonromane, die von nichts anderem als vom besagten Volk handeln - kurz gesagt: Die literarische Versumpfung ist da. Der Fortschritt der Drucktechnik und die Gesetze des Marktes öffnen in der zweiten Jahrhunderthälfte die Schleusen und von überall her schwappen Romane und Novellen in den Literaturacker, der Untergrund wird aufgeweicht, alles beginnt zu schwanken. Was tun? Es schlägt die Stunde der Kanalarbeiter der Literaturkritik. In Frankreich beschäftigt sich Jules Janin damit, seinem Publikum den Unterschied zwischen guter und schlechter Literatur klar zu machen. Der interessierte Leser - liberaler Bürger und Abonnent der Zeitung "La Presse" - sieht dabei den erhobenen Zeigefinger nicht, denn er schaut fasziniert auf das neue, glänzende Werkzeug des Kritikers, mit dem bürgerliche Werte zu lenkenden Dämmen aufgehäuft und kruder Realismus in die Senkgrube geleitet werden.

Die Trockenlegungsarbeiten finden auch in Österreich statt, so zum Beispiel auf der ersten Seite der Neuen Freien Presse. Aber weil Wien immer schon anders war, wird für einige Zeit eine Frau [!], Betty Paoli, die Patronin der Kritik. Sie führt gemeinsam mit ihren Kollegen einen aussichtslosen Kampf gegen den Verlust des sicheren Wertebodens und gegen die Profanisierung der hehren Kunst. Diese destabilisiert sich zusehends bei dem Versuch "gebund’ner Kräfte trübes Gären" zu ihrem Gegenstand zu machen. Die Überschwemmung ist nicht aufzuhalten, im Gegenteil: Als die Verflechtungen zwischen Kunst und Kommerz unentwirrbar werden und die Kritiker ihre Droschken mit Bestechungsgeldern bezahlen, sind Hopfen und Malz verloren - und Karl Kraus übt sich in Schlammbeschreibung.



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Schlamm und Damm. sinn-haft nr[11] - Cover

Texte der nr [12]:

Erscheinungsdatum: Februar 2002




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