In den 40er Jahren des IX. Jahrhunderts
kann der kluge Beobachter Hieronymus Lorm die schöne Literatur
als mickriges Kraut auf humusreichem, sicherem Felde betrachten,
denn:
"Der Schriftsteller ist demnach in Oestreich nur eine
Ausnahme und kann den Prinzipien des Staates gegenüber nicht zur
Anerkennung seiner unhemmbaren Nothwendigkeit gelangen, gleich dem
Bürger, Handwerker oder Beamten; er ist ein exotisches Gewächs,
das unter den nützlichen Kohlrüben als eine zwecklose und
höchstens nicht unschöne Zierde des Staatsfeldes dasteht
und kümmerlich und verkrüppelt fortvegetiert."
Randständig, aber das auf halbwegs festem Grunde ist sie zu
diesem Zeitpunkt, die Literatur. Doch das währt nicht lange,
denn die Flut bricht ein und statt des einförmigen Strangs
würdiger Werke, an den man sich seit der Goethezeit gewöhnt
hat, kommt: Massenware. Sogar Frauen beginnen zu publizieren!
Textproduktion ohne Ende; Bücher soweit das Auge reicht, unter
das Volk gebracht in Leihbibliotheken; Feuilletonromane, die von
nichts anderem als vom besagten Volk handeln - kurz gesagt: Die
literarische Versumpfung ist da. Der Fortschritt der Drucktechnik und
die Gesetze des Marktes öffnen in der zweiten Jahrhunderthälfte
die Schleusen und von überall her schwappen Romane und Novellen
in den Literaturacker, der Untergrund wird aufgeweicht, alles beginnt
zu schwanken. Was tun? Es schlägt die Stunde der Kanalarbeiter
der Literaturkritik. In Frankreich beschäftigt sich Jules Janin
damit, seinem Publikum den Unterschied zwischen guter und schlechter
Literatur klar zu machen. Der interessierte Leser - liberaler
Bürger und Abonnent der Zeitung "La Presse" -
sieht dabei den erhobenen Zeigefinger nicht, denn er schaut
fasziniert auf das neue, glänzende Werkzeug des Kritikers, mit
dem bürgerliche Werte zu lenkenden Dämmen aufgehäuft
und kruder Realismus in die Senkgrube geleitet werden.
Die
Trockenlegungsarbeiten finden auch in Österreich statt, so zum
Beispiel auf der ersten Seite der Neuen Freien Presse. Aber weil Wien
immer schon anders war, wird für einige Zeit eine Frau [!],
Betty Paoli, die Patronin der Kritik. Sie führt gemeinsam mit
ihren Kollegen einen aussichtslosen Kampf gegen den Verlust des
sicheren Wertebodens und gegen die Profanisierung der hehren Kunst.
Diese destabilisiert sich zusehends bei dem Versuch "gebund’ner
Kräfte trübes Gären" zu ihrem Gegenstand zu
machen. Die Überschwemmung ist nicht aufzuhalten, im Gegenteil:
Als die Verflechtungen zwischen Kunst und Kommerz unentwirrbar werden
und die Kritiker ihre Droschken mit Bestechungsgeldern bezahlen, sind
Hopfen und Malz verloren - und Karl Kraus übt sich in
Schlammbeschreibung.
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